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Gegen die Entdemokratisierung und Kommerzialisierung der Hochschulen
Donnerstag, 17. September 2009
Rede von Janine Wissler zur Ersten Lesung des Gesetzentwurfes der Landesregierung fĂŒr ein Hessisches Hochschulgesetz und Gesetz zur Ănderung des TUD-Gesetzes sowie weiterer Rechtsvorschriften am 17. September 2009
Herr/Frau PrÀsident/in, meine Damen und Herren,
die Hochschullandschaft ist im Umbruch, allerdings in die falsche Richtung. Die aktuellen Debatten handeln ausschlieĂlich von Wettbewerb, Standortsicherung und Exzellenzförderung. Die Novellierung des Hessischen Hochschulgesetzes muss sich am Leitbild einer sozialen und demokratischen Hochschule mit guten Lehr-, Lern-, Forschungs- und Arbeitsbedingungen orientieren. Dazu mĂŒssten die Verschlechterungen aus zehn Jahren Koch-Regierung zurĂŒckgenommen werden, was der vorliegende Gesetzentwurf natĂŒrlich nicht tut. Das HHG wurde âentschlacktâ und umstrukturiert, mit der Tendenz mehr ĂŒber Erlasse und Verordnungen zu regeln und damit den Ermessenspielraum des Ministeriums zu erweitern. Das halten wir fĂŒr falsch, wir wollen klare gesetzliche Regelungen, die den Hochschulen Planungssicherheit geben.
Ich will mich heute auf ein paar wenige zentrale Punkte beschrĂ€nken, was natĂŒrlich nicht heiĂt, dass ich mit den anderen einverstanden bin.
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Als LINKE wenden wir uns gegen die Entdemokratisierung und Kommerzialisierung der Hochschulen.
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Die CDU-Landesregierung hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Regelungen eingefĂŒhrt, die das Engagement von Studierenden an den Hochschulen erschwert und die Rechte der Verfassten Studierendenschaft geschwĂ€cht haben. Sie marschieren mit Siebenmeilenstiefeln weiter in die falsche Richtung.
Mit dem Gesetzentwurf der Landesregierung wird die Entdemokratisierung fortgesetzt, indem den demokratisch legitimierten Gremien immer mehr Kompetenzen genommen werden.
Der Gesetzentwurf schwĂ€cht die rechtliche Verankerung der Studierendenvertretung. Sie wollen die ASten langfristig aushebeln und damit den Studierenden die Strukturen nehmen, die sie brauchen, um sich zu organisieren und gemeinsam zu handeln, zum Beispiel gegen StudiengebĂŒhren. Das ist Ihre Lehre aus der breiten Bewegung gegen StudiengebĂŒhren: ein konservatives Roll-back an den Hochschulen.
Ein Irrsinn bleibt die sogenannte 25%-HĂŒrde, die das Budget der ASten an die Wahlbeteiligung koppelt. Man stelle sich das mal fĂŒr die öffentlichen Haushalte von Land und Kommunen vor. Die BetrĂ€ge sind nach ErfĂŒllung der gesetzlichen Aufgaben zu bemessen und nicht nach der Wahlbeteiligung.
Sie wollen die Regelung zwar lockern und den Studierendenparlamenten die Entscheidung ĂŒberlassen, die studentischen Vertreter fordern aber zu Recht die Abschaffung dieses Paragraphen.
Auch der sogenannte Ordnungsparagraph muss weg, der politisch aktive Studierende einzuschĂŒchtern soll. Der verwendete Gewaltbegriff ist höchst fraglich, danach kann schon exmatrikuliert werden, wer den Hochschulbetrieb oder eine Hochschulveranstaltung stört. Das heiĂt, dass jeder, der sich an einem Uni-Streik beteiligt, deshalb exmatrikuliert werden könnte. Das PrĂ€sidium ist sogar befugt nicht nĂ€her definierte OrdnungsmaĂnahmen anordnen. Davon hat meines Wissens noch keine hessische Hochschule Gebrauch gemacht. Ich frage mich auch, was das fĂŒr MaĂnahmen sein sollen: Campus kehren, Tafel wischen?
Es gibt ein Hausrecht und es gibt ein Strafrecht, das ist ausreichend, weitere Sanktionsmöglichkeiten gegen Studierende lehnen wir ab.
Wir wollen die Rechte der Verfassten Studierendenschaft erweitern, auch um ein politisches Mandat, und die Mitbestimmung an der Hochschule ausbauen.
In allen Fragen, die sich nicht unmittelbar auf Forschung und Lehre beziehen, ist eine paritĂ€tische Besetzung der Gremien rechtlich möglich und politisch notwendig. Das hilft aber wenig, wenn die Gremien nichts mehr zu entscheiden haben, deshalb muss die Kompetenzverlagerung hin zu den PrĂ€sidien und HochschulrĂ€ten rĂŒckgĂ€ngig gemacht werden.
Kompetenzverschiebung hin zum Hochschulrat
Die Mitglieder der HochschulrĂ€te gehören nicht der UniversitĂ€t an, mĂŒssen keine Wissenschaftler sein und sind nicht demokratisch legitimiert. Sie werden je zur HĂ€lfte vom Ministerium und dem PrĂ€sidium bestimmt. Bei der Besetzung ĂŒberwiegt in der Praxis eine einseitig wirtschaftsorientierte Besetzung.
Die Funktion des Hochschulrates tendiert zunehmend in Richtung eines Aufsichtsrates, sein Einfluss wird auf grundlegende Entscheidungen ausgeweitet, wie die Entwicklungsplanung, Berufungsverfahren aber auch die internen AblĂ€ufe wie die Wahl und Abwahl des PrĂ€sidenten, zukĂŒnftig setzen sich dann PrĂ€sidium und Hochschulrat gegenseitig ein.
Ihr Gesetzentwurf sieht vor, dass die Mitglieder des Hochschulrates nicht mehr ausdrĂŒcklich ehrenamtlich tĂ€tig sind, und die Legislaturperiode aller amtierenden HochschulrĂ€te spĂ€testens Ende 2010 auslĂ€uft.
Da liegt der Verdacht nahe, dass hier womöglich gut dotierte Posten geschaffen werden sollen. Aber wenn die hessischen Hochschulen eines nicht brauchen, dann sind es bezahlte HochschulrÀte.
HochschulrÀte sollen eine beratende Schnittstellenfunktion zwischen Hochschule und Gesellschaft einnehmen.
Sie mĂŒssen pluralistisch aus Vertretern gesellschaftlicher Interessengruppen zusammengesetzt sein, die Entscheidungskompetenz muss bei den demokratisch legitimierten Gremien, in erster Linie beim Senat, bleiben.
Autonomie
Die EntscheidungsspielrĂ€ume, die sich durch eine Erweiterung der Hochschulautonomie ergeben, mĂŒssen der akademischen Selbstverwaltung ĂŒbertragen werden.
Aber die Rahmenbedingungen mĂŒssen weiterhin landesweit einheitlich ĂŒber das Hochschulgesetz geregelt werden und nicht ins Belieben der Satzungen einzelner Hochschulen gestellt werden.
StudiengebĂŒhren
Der freie Hochschulzugang ist eine soziale Errungenschaft, deshalb war die Abschaffung der StudiengebĂŒhren in Hessen so wichtig und ein Erfolg der Studierendenbewegung.
Aber der Verwaltungskostenbeitrag, im Rahmen der Operation dĂŒstere Zukunft eingefĂŒhrt, ist auch nichts anderes als StudiengebĂŒhren â ohne Darlehensmöglichkeit. Nach Artikel 59 der Hessischen Verfassung und auch in Bezug auf das Urteil des Staatsgerichtshofes sind sie nicht zulĂ€ssig und mĂŒssen abgeschafft werden.
Die GebĂŒhren fĂŒr Gasthörerinnen und Gasthörer, widersprechen der Idee der Hochschule als ein offener Raum. Wir wollen keine Unis, die sich von der Gesellschaft abschotten.
Wir fordern fĂŒr alle Studierenden das Recht auf ein Masterstudium, ohne zeitliche Verzögerung und ohne weitere HĂŒrden nach dem Bachelor-Abschluss. Studierende mĂŒssen in jedem Studiengang das Recht auf ein Teilzeitstudium haben, um erwerbstĂ€tig, erziehend oder in Gremien aktiv sein zu können.
Privatisierung
Wir wenden uns gegen alle Formen von schleichender Privatisierung im Hochschulbereich. Als einzige Fraktion dieses Hauses lehnen wir die StiftungsuniversitĂ€t ab und sprechen uns dafĂŒr aus, die Umwandlung rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Damit wĂ€re der Hochschulzugang wieder einheitlich geregelt und die BeschĂ€ftigten wĂŒrden in den Landesdienst zurĂŒckgefĂŒhrt.
Wir lehnen auch Teilprivatisierungen in Form von Ausgliederungen ab, wie es Ihr Entwurf ermöglichen will.
Sie fĂŒhren einen Drittmittelzwang ein und verpflichten die Hochschulen Drittmittel einzuwerben, aber Hochschulfinanzierung ist eine öffentliche Aufgabe und muss es auch bleiben. Der Einfluss von Sponsoren auf Lehre und Forschung muss ausgeschlossen werden, denn Bildung ist keine Ware und Hochschulen kein Markt.
Bereich Mitarbeiter
Wir setzen uns fĂŒr eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ein, denn gerade an den Hochschulen arbeiten immer mehr junge Wissenschaftler in prekĂ€ren BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnissen, regulĂ€re unbefristete Vollzeitstellen sind die Ausnahme.
Diese Entwicklung ist fatal. Forschung und Lehre brauchen KontinuitĂ€t, deshalb muss der Anteil der Dauerstellen erhöht werden. Die Lehrpflichtverordnung 2006 muss zurĂŒckgenommen werden.
Das waren einige Kritikpunkte am Gesetzentwurf.
Das HHG muss gemeinsam mit den Betroffenen, mit den Studierenden als gröĂter Statusgruppe und auch mit den Gewerkschaften, entwickelt werden und nicht gegen sie. Wir wollen keine Hochschulen, an denen Eliten stromförmig und eindimensional ausgebildet werden, im Gegenteil, die kritischen Wissenschaften mĂŒssen gestĂ€rkt und gefördert werden, damit die gute Tradition Abendroths und der Frankfurter Schule in Hessen fortgesetzt wird. FĂŒr SolidaritĂ€t und freie Bildung und fĂŒr demokratische und offene Hochschulen.
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