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Bespitzelung der LINKEN und Ignorieren rechter Gewalt
Donnerstag, 02. Februar 2012
Rede von Janine Wissler zum Antrag der Fraktion DIE LINKE betreffend eine Aktuelle Stunde "Bespitzelung der LINKEN und Ignorieren rechter Gewalt" am 2. Februar 2012
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Herr PrÀsident, meine Damen und Herren,
wir haben diese Aktuelle Stunde beantragt, weil es ein Skandal ist, dass mindestens 42 Bundestagsabgeordnete der LINKEN vom Geheimdienst ĂŒberwacht werden und wir vom Innenminister Antworten zur Praxis in Hessen erwarten.
Meine Damen und Herren, ich kann mir ja durchaus vorstellen, dass es fĂŒr die Mitarbeiter des sogenannten Verfassungsschutzes auf die Dauer ziemlich langweilig ist, stĂ€ndig die eigenen Kollegen in der Nazi-Szene zu beobachten, aber das ist noch lange kein Grund fĂŒr die Bespitzelung der LINKEN.
Breite Kritik
Die Ăberwachung frei gewĂ€hlter Abgeordneter durch den Geheimdienst hat eine Welle der Empörung ausgelöst â nicht nur bei der LINKEN.
BundestagsprĂ€sident Norbert Lammert bezeichnet die Beobachtung als âunverhĂ€ltnismĂ€Ăigâ und âĂŒbertriebenâ. Der Vorsitzende des Rechtsausschusses des Bundestages, Siegfried Kauder, ebenfalls CDU, hĂ€lt sie fĂŒr ânicht in Ordnung.â
Und die letzte Liberale in der FDP, Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger, nennt das Vorgehen des Verfassungsschutzes âunertrĂ€glichâ: Die Arbeit von frei gewĂ€hlten Abgeordneten dĂŒrfe nicht durch den Verfassungsschutz beeintrĂ€chtigt werden.
Nach einer aktuellen Stern-Umfrage lehnen 57 Prozent der Befragten die Ăberwachung der LINKEN ab. Selbst unter den WĂ€hlern der Union befĂŒrwortet das nur eine ganz knappe Mehrheit. Die AnhĂ€nger der anderen Parteien lehnen die Ăberwachung mit groĂer Mehrheit ab, nur die FDP habe wegen zu geringer Fallzahl nicht ausgewiesen werden können.
Die Bespitzelung der LINKEN ist noch unbegreiflicher angesichts der realen Bedrohung. Da zieht eine Neonazi-Bande mehr als ein Jahrzehnt mordend durch die Republik und das völlig ungehindert von den Sicherheitsbehörden. Seit 1990 sind mindestens 182 Menschen durch rechte Gewalt ums Leben gekommen und der sogenannte Verfassungsschutz ĂŒberwacht DIE LINKE. Das ist doch grotesk, das ist völlig gaga.
Politisches Instrument
Und wir wollen auch ĂŒber den hessischen Verfassungsschutz reden. Der niedersĂ€chsische Verfassungsschutz-PrĂ€sident Wargel hat eingerĂ€umt, dass er die Abgeordneten der LINKEN bespitzeln lĂ€sst. Er behauptete, dass das in sieben anderen BundeslĂ€ndern genauso sei, darunter auch Hessen. Der PrĂ€sident des Bundesverfassungsschutzes Fromm hat dies ebenfalls erklĂ€rt, dass in Bezug auf hessische Bundestagsabgeordnete auf nachrichtendienstliche Erkenntnisse aus Hessen zurĂŒckgegriffen werde. Das ist allerdings das exakte Gegenteil von dem, was Sie immer gesagt haben, Herr Innenminister, nĂ€mlich, dass Abgeordnete nicht ĂŒberwacht werden. Ich frage sie, Herr Rhein: Wer sagt hier die Wahrheit?
Der sogenannte Verfassungsschutz wird als politisches Instrument eingesetzt, um politische Gegner zu diskreditieren und pauschal als verfassungsfeindlich zu brandmarken.
In elf BundeslĂ€ndern gibt es keine Beobachtung der LINKEN, wohl aber in Bayern, Baden-WĂŒrttemberg, Niedersachsen und Hessen. Wo Schwarz-Gelb regiert, ist DIE LINKE offenbar am gefĂ€hrlichsten. Es ist doch völlig lĂ€cherlich, dass unsere Partei in Wiesbaden beobachtet wird und auf der anderen Seite des Rheins nicht.
Das hat seine Ursache nicht bei den Ăberwachten, sondern bei den Ăberwachern. Schwarz-Gelb gebraucht den Geheimdienst als politisches Instrument. Deshalb fordere ich Sie auf, Herr Minister, stellen Sie die Bespitzelung der LINKEN in Hessen endlich ein.
Vollends unertrÀglich ist die stÀndige Gleichsetzung von Rechts und Links. Gerade angesichts der deutschen Geschichte ist das gefÀhrlich und vor dieser Gleichsetzung verwahren wir uns.
Kapitalismus hat nicht Verfassungsrang
Die Bespitzelung wird auch damit begrĂŒndet, dass wir den Kapitalismus ĂŒberwinden wollen. Aber Antikapitalismus ist nicht verfassungsfeindlich, sondern vernĂŒnftig.
Warum ist DIE LINKE Ihrer Ansicht nach gefÀhrlich? Weil wir die Banken kontrollieren und hohe Vermögen stÀrker besteuern wollen? Weil wir völkerrechtswidrige Kriege ablehnen? Weil wir die Energiekonzerne entmachten und Energieversorgung demokratisieren wollen?
Ja, wir wollen grundlegende gesellschaftliche VerÀnderungen. Und der Grund, warum Ihnen das Angst macht, ist, dass wir damit nicht allein sind. Nach einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung glauben 90 Prozent der Deutschen nicht, dass der Kapitalismus die drÀngenden sozialen und ökologischen Probleme lösen kann.
Wenn selbst der GrĂŒnder des Weltwirtschaftsforums sagt, dass der Kapitalismus in seiner heutigen Form nicht mehr in diese Welt passe, dann zeigt das, wie tief die Legitimationskrise dieses Wirtschaftssystems ist und dass sie weit in die bĂŒrgerliche Mitte hineinreicht.
Nazis bekĂ€mpfen â ohne Geheimdienste
Meine Damen und Herren, Geheimdienste sind nicht demokratisch kontrollierbar. Weder schĂŒtzen sie unsere Verfassung noch lassen sie sich mit einer demokratischen Gesellschaft vereinbaren, deshalb fordern wir ihre Auflösung.
Die Mordserie der NSU hat einmal mehr gezeigt, dass der Verfassungsschutz Teil des Problems und nicht Teil der Lösung ist. Er ist keine Hilfe im Kampf gegen Nazis, sondern ein Hindernis. Das NPD-Verbotsverfahren hat er versemmelt, weil jeder 7. NPD-FunktionĂ€r fĂŒr den Verfassungsschutz arbeitet, ebenso wie er die Untersuchungen zur Zwickauer Terrorzelle im Bundestag behindert.
Deshalb fordern wir eine Ende des V-Leute-Systems und eine öffentliche AufklĂ€rung ĂŒber die Verstrickungen des Geheimdiensts in die Nazi-Szene. Nazi-Strukturen bekĂ€mpft man nicht mit Geheimdiensten, sondern durch gesellschaftliche Mobilisierung.
Sie haben die ImmunitĂ€t von Willi van Ooyen und mir aufgehoben, weil wir als angebliche RĂ€delsfĂŒhrer gemeinsam mit 10.000 anderen Menschen friedlich einen der gröĂten Nazi-AufmĂ€rsche Europas in Dresden blockiert haben. Es gibt Videoaufnahmen, die die Mitglieder der NSU einige Jahre zuvor bei genau diesem Gedenkmarsch zeigt.
Wir werden auch dieses Jahr wieder geschlossen nach Dresden fahren, weil wir den Nazis nicht die StraĂe ĂŒberlassen und ich fordere alle auf, diesen Aufmarsch mit uns gemeinsam zu blockieren.
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