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Internationaler Frauentag soll Feiertag in Hessen werden

Dienstag, 16. März 2010

Rede von Marjana Schott zur Erste Lesung des Gesetzentwurfs der Fraktion DIE LINKE für ein Gesetz zur Änderung des Hessischen Feiertagsgesetzes am 3. März 2010
 
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren!

„Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts.“ Weil dieser Satz von Simone de Beauvoir leider wahr ist, haben wir Frauen nach wie vor eine Menge zu fordern. Wir fordern endlich gleiche Berufschancen, gleiches Einkommen, gleiche Karrierechancen, mehr Schutz vor Gewalt, unabhängige Grundsicherung bei Erwerbslosigkeit, gleiche parlamentarische Vertretung, bessere Betreuung für unsere Kinder und keine Altersarmut.
Es gibt kaum einen Lebensbereich, in dem Frauen nicht benachteiligt sind. Die Erwerbsquote liegt bei Männern in Hessen bei 81 %, bei Frauen bei 68 %. Das höchste Armutsrisiko liegt bei den Alleinerziehenden, und das sind bekanntlich überwiegend Frauen. Über 30 % der Frauen in Deutschland haben gar kein eigenes Einkommen. Inzwischen haben junge Frauen im Hinblick auf Schulbildung die Männer überholt. Das führt aber noch lange nicht dazu, dass sie auf der nachfolgenden Stufe der akademischen Laufbahn gleich repräsentiert sind.
Das ist das Thema. – Trotz der größeren Anzahl weiblicher Lehrkräfte sind Frauen in den westdeutschen Bundesländern in Schulleitungspositionen in der Minderheit. Die atypische Beschäftigung steigt in Hessen insgesamt. Von ca. 1 Million atypischer Beschäftigung sind 700.000 Frauen. Von 400.000 Teilzeitbeschäftigten sind 300.000 Frauen. In Hessen sind von 118 Abgeordneten 34 Frauen. Es könnte besser aussehen, wenn die FDP keine frauenfreie Zone wäre.

Auch in den Betriebsräten liegt der Anteil nur bei 25 %. Wenn es um weibliche Führungskräfte geht, gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern. Von 68 Vorstandspositionen der zehn umsatzstärksten Unternehmen hat nur eine einzige Frau eine Vorstandsposition, außer, es hätte sich in den letzten Tagen etwas geändert. Von 518 Aufsichtsratsmandaten bei DAX-Unternehmen sind nur 64 von Frauen besetzt, gerade einmal 12 %. Auf der Arbeitgeberseite sind in diesem Kontrollgremium nur 3 % weiblich.

Die Initiative „Frauen in die Aufsichtsräte“ fordert eine gesetzliche Quotenregelung für die Aufsichtsräte. In Norwegen, das seit 2008 eine gesetzliche Frauenquote von 40 % für Aufsichtsräte hat, liegt der Anteil der weiblichen Mitglieder immerhin bei 42 %. Auch die Niederlande und Spanien haben eine Quote. Wenn wir das hier fordern würden, wissen wir, was wir zur Antwort bekommen. Dann wird von freiwilliger Selbstverpflichtung geredet. Das heißt, alles bleibt beim Alten.
Der durchschnittliche Verdienst liegt bei Frauen konstant 23 bis 24 % niedriger als bei Männern. Auch dabei sind wir europäisch am Ende der Reihe. In Deutschland lebende Frauen haben in ihrem Leben bis zu 40 % körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Zu dieser Gewalt gehören sexuelle Belästigung, Demütigung, Beleidigung, Prügel, Bedrohung, soziale Kontrolle, sexuelle Nötigung, Stalking, Vergewaltigung bis hin zu Totschlag.

Wir haben in Hessen mehr als 20 Frauenhäuser, und keines von ihnen steht leer. Auch in Hessen gibt es leider Familien, die ihre Töchter zwangsverheiratet. Im letzten Jahr wurde Serap Cileli mit dem Elisabeth Selbert-Preis für ihre mutige Arbeit ausgezeichnet. Es gibt inzwischen in Deutschland leider auch weibliche Genitialverstümmlung. Wir brauchen nach wie vor Veränderungen im Denken am Bewährten und eine kritische Auseinandersetzung mit Überkommenem.
Wenn Männer dazu sagen, dass das Quatsch ist, und diese Männer hier auf der Regierungsbank sitzen, dann wird die Forderung, dass endlich Gleichberechtigung herrscht, noch viel dringender. Stattdessen bekommen wir inzwischen eine massive Gegenbewegung. Wir hören, dass Jungs und Männer die Verlierer der Emanzipation seien, dass Pädagogik verweiblicht würde und dass Alphamädchen den Raum erobern.
Natürlich verändert sich etwas, wenn Mädchen und Frauen nicht mehr die Dekoration der Männerwelt und auch nicht mehr die Haushälterin der Männer sind. In den letzten 100 Jahren hat sich einiges bewegt. Das heißt auch, Männer müssen ihre Rolle neu finden. Wenn Männer und Frauen wirklich gleichberechtigt werden, werden Männer an der einen oder anderen Stelle tatsächlich etwas verlieren. Aber an ebenso vielen Stellen werden sie gewinnen.

Es ist doch ein Gewinn, wie sich die Vaterrolle in den letzten Jahren verändert hat. Es ist auch ein Gewinn, wenn Männer nicht mehr unter allen Umständen die Ernährer von Familien sein müssen. All diese Punkte lassen es notwendig erscheinen, einen Feiertag einzurichten, der in den Ländern Angola, Armenien, Aserbaidschan, Burkina Faso, Eritrea, Georgien, Guinea-Bissau, Kasachstan, Kambodscha, Kirgisistan, Laos, Madagaskar, Moldawien, Mongolei, Nepal, Russland, Sambia, Serbien, Tadschikistan, Turkmenistan, Uganda, Ukraine, Usbekistan, Vietnam, Weißrussland und Zypern bereits ein gesetzlicher Feiertag ist.

Wir brauchen einen Tag ähnlich dem 1. Mai, an dem Zeit besteht, sich des Geschafften zu erinnern, aber vor allem Pläne für die Zukunft zu schmieden. An vielen Stellen gibt es in immer noch kleinen Kreisen Veranstaltungen zum 8. März. Die werden mehr und größer, finden aber nach wie vor in der Nische statt. Im Anblick der Probleme der vor uns stehenden Aufgaben kann es nur hilfreich sein, einen feien Tag für Bildungs- und Informationsveranstaltungen, für Seminare und Vorträge, für Workshops, Ideenbörsen, aber auch zum Feiern zu haben.
Wir haben den diesjährigen 8. März ausgewählt, weil wir den internationalen Frauentag im nächsten Jahr zum einhundertsten Mal begehen. Wir sind der Meinung, dass es ein guter Zeitpunkt wäre, ihn zum Feiertag zu machen.

Am 8. März 1857 waren die Textilarbeiterinnen in New York in einen Streik getreten. Anderen Quellen zufolge wurde der 8. März als Tag im Gedenken an 129 Arbeiterinnen ausgewählt, die am 8. März 1908 im Streik um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen eingesperrt in ihrer bestreikten Fabrik verbrannt sind, weil die Fabrik in Flammen aufging und kaum noch jemand heraus kam. 129 Frauen sind in diesen Flammen gestorben.

Die Wurzeln des 8. März liegen also in der Tradition proletarischer Frauenkämpfe. 1909 streikten 20.000 Näherinnen von Manhattan. Tausende wurden verhaftet. Doch die Unternehmer mussten ihren Forderungen nach 21-monatigem entschlossenen Streik nachgeben. Zum ersten Frauentag 1911 kamen in Dänemark, Österreich, Schweden, der Schweiz, Deutschland und in den USA Frauen zu Demonstrationen und Versammlungen zusammen.

Im Mittelpunkt stand damals die Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen. Ein Höhepunkt in der Geschichte des 8. März nach dem Zweiten Weltkrieg war im Jahr 1994 der Frauenstreiktag – damals waren bundesweit etwa 1 Million Frauen gegen die Diskriminierung auf den Straßen.
Wenn Sie jetzt der Meinung sind, Hessen könne sich keinen weiteren Feiertag leisten, so kann ich nur sagen: Wir haben in Hessen zehn Feiertage im Jahr, in anderen Bundesländern bis zu 13. Weder Bayern noch Baden-Württemberg liegen deshalb wirtschaftlich am Boden, und die haben mehr Feiertage als wir.

Wenn Sie glauben, es sei nur DIE LINKE, die diesen Feiertag wolle, so ist auch das ein Irrtum. Bereits zum 90. Geburtstag des Internationalen Frauentags haben Gewerkschaftsfrauen gefordert, diesen Tag zum Feiertag zu machen. Seither haben sie ihre Forderung nicht aufgegeben. Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir dem nachkommen.
 


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