Interview mit Hermann Schaus
Die Sicherheits- interessen der Menschen in der Region dürfen nicht länger den Profitinteressen von Fraport, Lufthansa und Co. Untergeordnet werden.
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Sie versuchen, die Welt Ihrem Sparzwang anzupassen
Mittwoch, 23. Juni 2010
Rede von Marjana Schott zur Ersten Lesung des Gesetzentwurfs der Landesregierung für ein Gesetz über die staatliche Anerkennung von Sozialarbeiterinnen und -arbeitern, Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie Heilpädagoginnen und –pädagogen am 23. Juni 2010
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sprechen hier heute über das Studium der Sozialen Arbeit bzw. der Heilpädagogik und dabei insbesondere über den Anteil den die Praxiserkundung in diesen Studiengängen haben soll.
Sozialarbeiterinnen, Heilpädagogen und Sozialpädagogen werden in ihrem Studium auf die Arbeit mit Menschen vorbereitet, genau genommen auf die Arbeit mit Menschen, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden. Das heißt Menschen, die unter Druck stehen.
Sie haben ein Erziehungsproblem oder ein Schuldenproblem, sind obdachlos oder suchtkrank. Sie haben Gewalterfahrung oder sind selbst gewalttätig. Sie befinden sich in einer Trennungssituation, streiten ums Sorgerecht, den Unterhalt oder sind in Trauer. Häufig begegnet man Menschen mit einer vielschichtigen Problemlage. Diese Aufzählung allein, die unvollständig ist, zeigt, dass wir es in diesem Berufsfeld mit Menschen zu tun haben, die unter besonderem Stress stehen und daher meistens nicht adäquat reagieren.
Menschen in schwierigen Lebenssituationen brauchen Hilfe von Fachleuten. Diese Fachleute brauchen ihrerseits eine Ausbildung, die sie befähigt mit den vielfältigen Problemlagen umgehen zu können, die ihnen in ihrem Berufsfeld begegnen können. Wenn das nicht gewährleitstet ist, bekommen wir es mit hilflosen Helfern zu tun, die selbst zum Problem werden. Der Klient, der sich hilfesuchend an eine Einrichtung wendet erwartet zu Recht, dass ihm eine kompetente Fachkraft gegenüber sitzt. Diese Fachkraft muss in der Lage sein auf die oft vielschichtige Problemlage des Klienten einzugehen, sonst ist sie als Helfer und Unterstützer ungeeignet.
Die Menschen, die die Hilfe einholen, reagieren aber nicht immer angemessen und schon gar nicht stereotyp. Es gibt kein Lehrbuch und keine Lehrveranstaltung, die einen Studenten oder eine Studentin darauf umfänglich vorbereiten können, was ihnen im Berufsalltag begegnen wird. In der Arbeit mit Menschen ist nicht alles in der Theorie erlernbar. Es ist etwas anderes, ob ich lese oder höre wie sich Jugendliche mit Aggressionsstörungen verhalten oder ob ich verantwortlicher Gruppenleiter bin und mit aggressiven Verhalten konfrontiert werde oder selbst angegriffen werde. Es ist etwas anderes über das Sterben zu lesen oder ihm in meiner Arbeit zu begegnen.
Deshalb ist der Praxisanteil in jedem, aber besonders im Studium der Sozialen Arbeit von großer Bedeutung.
Die Studentinnen und Studenten müssen im Rahmen ihrer Ausbildung die Möglichkeit haben, sich selbst in der Praxis zu erfahren und mit diesen Erfahrungen noch mal in eine Theoriephase gehen können.
Im Rahmen von Sparmaßnahmen haben Sie Studiengänge verkürzt, Lerninhalte verdichtet und jetzt beschneiden Sie den Praxisanteil. Sicher, da steht mindestens 100 Tag, was aber bedeutet das. Unter dem enormen wirtschaftlichen Druck unter dem unsere Universitäten stehen werden die Praxisanteile keinen 101. Tag haben.
In der Vergangenheit hatten wir Praxisanteile im Studium, Praxissemester und Anerkennungsjahre in den verschiedensten Kombinationen. Jetzt reduzieren wir das Ganze auf 100 Tage und tun so, als würden wir junge Menschen in dem sensiblen Arbeitsfeld mit Menschen in besonderen Belastungssituationen umfassend auf ihre Arbeit vorbereiten. Der Schaden, den wir damit anrichten ist gar nicht absehbar. Der Dekan eines entsprechenden Fachbereichs einer hessischen Universität hat mir dazu gesagt: Die zukünftigen Arbeitgeber müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie Berufsanfänger bekommen, die nicht selbständig einsetzbar sind. Was heißt das für die Praxis?
Die Träger der sozialen Arbeit stellen junge, fertig ausgebildete Menschen ein, die aber über einen längeren Zeitraum nur unter Anleitung arbeiten können. Wenn wir uns die Arbeitsdichte in Folge von steigenden Problemen und Stellenabbau in diesem Sektor anschauen ist das völlig unrealistisch. Es wird in der Praxis bedeuten, wir bekommen Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen und Heilpädagogen und Heilpädagoginnen, die nicht adäquat auf ihr Berufsleben vorbereitet sind. Leider bedeutet das, sie werden unter Umständen erheblichen Schaden anrichten – und das ist in diesem Arbeitsbereich kein Blechschaden, sondern sie beschädigen Kinder und Erwachsene die ohnehin schon in Schwierigkeiten sind. Das Vertrauen dieser Menschen in die Institutionen dieses Landes wird dadurch erschüttert – aus Hilfe wird Beschädigung.
Sie sagen im Entwurf unter „Finanzielle Auswirkungen: Perspektivisch sind Einsparungen bei den Hochschulen durch die Verkürzung der Praxisphase zu erwarten."
Das ist die Intention Ihres Gesetzentwurfs. Sie haben erst einen Sparzwang geschaffen und jetzt versuchen Sie die Welt diesem Sparzwang anzupassen.
Bundesweit sind im letzten Jahr 270 000 Menschen gegen die unzumutbaren Zustände im Bildungssystem auf die Straße gegangen. In über 80 Städten waren in den letzten Wochen erneut Schüler und Studenten für bessere Lernbedingungen auf die Straße. Sie protestierten gegen Missstände im deutschen Bildungssystem und forderten unter anderem kleinere Klassen, die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems und eine bessere Qualität an den Hochschulen.
Wann nehmen Sie endlich wahr, dass ihre sogenannten Reformen einen permanenten Abbau der Bildung in unserem Land bedeuten.
Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse der Anhörung.






