Interview mit Marjana Schott

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Altenpflegeausbildung: Verordnung darf nicht inkrafttreten

Donnerstag, 25. August 2011

Rede von Marjana Schott zum Antrag der Fraktion DIE LINKE betreffend die sofortige Rücknahme der Kürzungen bei Altenpflegeschulen durch die Landesregierung am 25. August 2011 (Manuskript - unkorr.)

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Bedarf im Bereich Altenpflege und Altenpflegearbeit wird zukünftig deutlich zunehmen.

Um diesen Bedarf zu decken, muss die Attraktivität der Arbeit in der Altenpflege deutlich erhöht werden. Dazu gehört die Bekämpfung des Pflegenotstandes. Das bedeutet eine deutliche Verbesserung des Personalschlüssels sowie eine Verbesserung der Entlohnung und der Arbeitsbedingungen in der Altenpflege. Die künftigen Herausforderungen in der Altenpflege werden nur zu bewältigen sein, wenn es gelingt, die durchschnittliche Verweildauer der Altenpflegekräfte in ihrem Beruf von weniger als 9 Jahren deutlich zu erhöhen. [Quelle: Die BKK, 2011/7, S. 402: Verweis auf Studie Uni Freiburg 2009]

zu den Herausforderungen gehört auch die Erhöhung der Attraktivität der AltenpflegeAUSBILDUNG.

Angesichts dieser Herausforderungen sind die Kürzungen in der Altenpflegeausbildung, die mit der Neuregelung der Abbrecherregelung vorgenommen werden sollen, ein verheerendes Signal. Die Art und Weise, wie diese Tatsachen geschaffen wurden, sind eine Frechheit.

Natürlich Herr Grüttner ist ihnen klar, dass die Kürzung bei der Abbrecher-Regelung die Schulen in finanzielle Schwierigkeiten bringen. Sie empfehlen den Schulen deshalb, (Zitate stenografischer Bericht SPA) „die freigewordenen Abbrecherplätze in der Fachkräfteausbildung zu Beginn des zweiten Ausbildungsjahres mit Absolventen der Altenpflegehelferausbildung wieder aufzufüllen." Angeblich sei „der Wechsel problemlos möglich", und „belegt auch die Tatsache, dass im Schnitt zwischen 30 % und 40 % der Altenpflegehelferinnen und -helfer nach der einjährigen Ausbildung in der Fachkräfteausbildung wechseln." Ich kenne die Quellen ihrer Belege nicht. Was ich von den Altenpflegeschulen weiß ist allerdings etwas ganz anderes. in der einjährigen Altenpflegehilfeausbildung liegt der Schwerpunkt auf praktischen Inhalten; bei der dreijährigen Altenpflegeausbildung werden im ersten Jahr konzeptionelle und wissenschaftliche Grundlagen vermittelt, auf denen dann ab dem zweiten Jahr aufgebaut wird. Der Wechsel ist also alles andere als unproblematisch.

Dieses Problem versuchen die Altenpflegeschulen mit Stützkursen auszugleichen, diese Stützkurse sind aber nicht finanziert. Und da auch mit Stützkursen kein fehlendes ganzes Jahr ausgeglichen werden kann, liegt die Abbrecherquote bei den Aufsattlern bei ca. 20%. Den Schulen also zu empfehlen, die Kürzung bei den Abbrechern mit Erhöhung der Aufsattlerquote auszugleichen, zeugt von Sachunkenntnis des zuständigen Ministers.

Die Stützkurse sind nicht die einzigen enormen Mehrbelastungen gewesen, die die Altenpflegeschulen und damit vor allem die Lehrkräfte in den letzten Jahren zu schultern hatten. Durch die Notenverordnung von 2009 sind die Lehrkräfte jetzt gezwungen, alle 40 Stunden ein Leistungsnachweis abzufordern, meist in Form einer Klausur. Sehr zeitaufwändig ist auch die Anforderung von mindestens zwei Praxisbesuchen pro Jahr. Insbesondere ist der zeitliche und organisatorische Aufwand hoch, der für die Terminfindung mit den FachprüferInnen bzw. Praxisanleitern notwendig ist, mit denen die Benotung der Praxis vorgenommen werden muss.

Sehr aufwändig ist auch die Abstimmung der Schulen mit den RPn bei der Erstellung der Examensklausuren. Weiterhin wäre die Beteiligung der Schulen an der Lehrplanerstellung zu nennen, – das wollen die Schulen alles auch weiterhin, tun, aber man kann nicht davon ausgehen, dass das alles nicht mehr Arbeit bedeuten würde. Last but not least zum Thema Mehrbelastung: dass sich inzwischen mehr junge Menschen für die Altenpflege interessieren, ist nicht zuletzt der Beteiligung der Schulen und der Lehrkräfte an der entsprechenden Imagekampagne zu danken. Das allerdings hat im Schnitt mehrere Stunden Arbeit für jeden zusätzlichen Azubi gekostet.

Und schließlich müssen in jeder Schule mittlerweile enorme Anstrengungen zur Krisenintervention unternommen werden. Von Seiten der Altenpflegeschulen wird berichtet, dass viele Azubis auf Grund des immensen Personalmangels in der Praxis schlechte Erfahrungen machen. Das bedeutet bspw. dass sie in der Praxis für Aufgaben mit Belastungen eingesetzt werden, auf die sie noch nicht vorbereitet sind. bspw. auch, dass sie vor oder nach der Schule eine Schicht machen müssen. Das führt zu einer zunehmenden psychischen Belastung der Auszubildenden.

Unqualifiziert, Herr Minister, ist es auch den Altenpflegschulen ihre Personalauswahl vorzuwerfen. Ca. 60% der Auszubildenden sind junge Frauen; seit menschenbestehen ist es nun mal so, dass diese Frauen schwanger werden können. Erwarten Sie wirklich von den Altenpflegschulen, dass sie um die Abbrecherquote zu senken die jungen Frauen von der Ausbildung ausschließen? Zurück an den Herd passt schon zur CDU Politik. Dumm nur, dass wir das Personalproblem dann nicht gelöst bekommen. Sie sollten sich schon mal entscheiden, was Sie wollen Herr Minister.

Und dann Herr Minister Grüttner leiden Sie an einer schweren Politikerkrankheit, der offenbar viele anheimfallen, die zu lange im Geschäft sind. Sie führen Zahlen an, die Ihnen nützlich erscheinen und verschweigen die, die nicht ins Bild passen. Sie schmücken sich mit 3500 Altenpflegeschülerinnen und den 500 um die Sie aufstocken und Sie behaupten das Schulgeld sei in Hessen im Mittel der Bundesrepublik und niemand sonst habe eine solche Abbrecherregelung. Sie verschweigen, dass in diesen 3500 ca. 900 AltenpflegehelferInnen enthalten sind. Und Sie verschweigen, dass für die Helferinnen nur 267 Euro gezahlt werden, statt 320 bei den AltenpflegeschülerInnen, und sie verschweigen, dass es dies in anderen Bundesländern so nicht gibt. Und Sie verschweigen gern, dass die 500 neuen Schülerinnen nur zur Hälfte durch das Land finanziert werden. Sich mit fremden Federn schmücken, Zahlen schönen und was nicht ins Bild passt weg lassen, das ist Ihre Selbstdarstellung.

Und Herr Minister: Sie haben im letzten SPA zugesichert, dass jetzt alle Kurse starten können. Stattdessen werden die Altenpflegeschulen vom zuständigen RP um Brandschutzbescheinigungen angehalten. Das verhindert das Starten der Kurse. Es möge doch bitte nicht so getan werden, als ob sich die Schulen in der Vergangenheit nicht um die Einhaltung aller erforderlichen Brandschutzbestimmungen gekümmert hätten.

Die letzte nominelle Anpassung der Schulgeldpauschale erfolgte 2002. Von 2002 bis heute bedeutet das in etwa eine reale Kürzung um 15%. Angesichts dessen wäre eine Erhöhung des Schulgeldes angezeigt

In der Verordnung ist von KOSTENERSTATTUNG die Rede. Mit der jetzigen Regelung findet aber de facto keine Kostenerstattung mehr statt, sondern nur noch eine TEIL-kostenerstattung. Das hat der Minister in der Sitzung des Ausschusse am 11.8. auch explizit bestätigt, ich zitiere aus dem öffentlichen Protokoll: es „wird von privaten Schulen schon erwartet, dass die Träger der Schulen auch Eigenanteile erbringen." Dass dieser Paradigmenwechsel ohne Diskussion mit den Altenpflegeschulen und in der Sommerpause am Parlament vorbei durchgedrückt wird, passt zum Bild dieses Sozialministers

Herr Minister, Sie reden von Einbindung der Altenpflegeschulen in das Zustandekommen der jetzigen Verordnung: die Schulen wurden zunächst um eine Einschätzung zu alten Regelung gebeten – die Schulen haben erklärt: „die jetzige 90% Regelung hat sich bewährt" – dann kam ihr VO-Entwurf mit Bitte um erneute Stellungnahme; die Reaktion der Schulen darauf war negativ, Sie haben aber unbeeindruckt weiter gemacht. Warum fragen Sie, wenn Sie die Antworten nicht interessieren?

Kleinere Schulen werden durch die neue Regelung um die Existenzgrundlage gebracht. Die kleineren Schulen – das sind vor allem Schulen in strukturschwächeren Gegenden, aber auch das kümmert den Sozialminister nicht.

Es ist unbestritten, dass eine gute pflegerische Versorgung eine wichtige aktuelle und zukünftige sozialpolitische Herausforderung darstellt. Erhöhung der Ausbildungsplätze und Sicherung und Erhöhung der Ausbildungsqualität muss das Ziel sein. Das Gebot der Stunde lautet daher: Aufstocken und nicht zu kürzen, Herr Minister!