Interview mit Hermann Schaus

Die Landeregierung muss den Gesetzentwurf zur geplanten VerlĂ€ngerung der Lebensarbeitszeit der hessischen Beamtinnen und Beamten zurĂŒcknehmen
weiterlesen
Arbeitslosigkeit statt Arbeitslose bekÀmpfen
Donnerstag, den 17. September 2009
Rede von Marjana Schott zum Antrag der LINKE. Fraktion betreffend keine neuen Sanktionen gegen Hartz IV-Beziehende am 16. September 2009
Sehr geehrter Herr PrÀsident, werte Kolleginnen und Kollegen,
wir haben uns entschlossen, einen Antrag zur Aussetzung der Sanktionen gegen Hartz IV-EmpfĂ€ngerinnen und EmpfĂ€nger einzubringen. DafĂŒr gibt es generelle, vor allem aber auch spezielle, aktuell gute GrĂŒnde.
Wir haben momentan 17 Prozent (101.000) weniger offene Stellen als im Vorjahr, dafĂŒr aber mehr Arbeitslose. Angesichts dessen sind Sanktionen gegen Arbeitslose, speziell gegen Hartz IV-EmpfĂ€ngerinnen und EmpfĂ€nger eine besonders unangemessene Umgangsweise. Erwerbslose werden dafĂŒr âbestraftâ, dass sie zu spĂ€t zu einem Termin kommen, dass sie nicht fĂŒr einen Euro arbeiten wollen, dass sie nicht zum x-ten Bewerbungstraining gehen wollen. Sie werden bestraft, dass sie in Ruhe ĂŒber eine EingliederungsÂvereinbarung nachdenken wollen. Bei den gerichtlichen ĂberprĂŒfungen der Eingliederungsvereinbarungen fallen diese dann auch regelmĂ€Ăig durch.
Ich kenne einen Volljuristen, der in ein Bewerbungstraining geschickt wurde. Als er dem Arbeitsvermittler erklĂ€rte, dass es sinnvoller wĂ€re ihn als Trainer denn als Teilnehmer einzusetzen, wurde ihm ruhig aber bestimmt erklĂ€rt, dass er mit LeistungskĂŒrzungen zu rechnen habe, falls er an dem Training nicht teilnimmt. Eine effektivere Mittelverschwendung kann ich mir nicht vorstellen.
Diese geĂŒbte Sanktionspraxis gegen Erwerbslose fĂŒhrt Jahr fĂŒr Jahr zu neuen Sanktionen und zu steigenden WidersprĂŒchen, insbesondere zu erfolgreich gefĂŒhrten WidersprĂŒchen.
In Zeiten wie diesen, in denen wir sogar in einem August steigende Arbeitslosenzahlen zu verzeichnen haben, in denen die Bundesregierung ohne lange Diskussion die Bezugsdauer von Kurzarbeitergeld verlĂ€ngert, in Zeiten wie diesen, in denen wir in Hessen fast tĂ€glich ein klein- oder mittelstĂ€ndiges Unternehmen verlieren und um die ArbeitsplĂ€tze bei Opel nach wie vor fĂŒrchten mĂŒssen, beschĂ€ftigen sich ungezĂ€hlte Mitarbeiter/innen der Arbeitsverwaltung zunĂ€chst damit, Sanktionen auszusprechen, um sich dann oft monatelang mit den Widerspruchsverfahren zu befassen. Statt Kraft, Energie und Kosten in sinnlose Auseinandersetzungen ĂŒber vermeintliche VerstöĂe zu geben, muss alle Kraft aufgewendet werden, um den Arbeitsmarkt zu stabilisieren.
Stattdessen wurden in 2008 789.000 Sanktionen verhĂ€ngt. Wie erklĂ€ren Sie mir, dass von 83.000 WidersprĂŒchen, die in 2008 gegen diese Sanktionen eingelegt wurden 41Prozent erfolgreich waren? Wo der Klageweg gegangen wurde, waren es sogar 65 Prozent. Sanktionen schaffen keine ArbeitsplĂ€tze, sie erhöhen auch nicht die Bereitschaft sich um einen Arbeitsplatz zu bemĂŒhen, im Gegenteil, sie sind kontraproduktiv. Erwerbslose, denen ihr ohnehin schon knapp bemessenes Geld gekĂŒrzt wird, sind damit beschĂ€ftigt, irgendwie die KĂŒrzungen zu kompensieren. Ihr Kopf wird nicht freier und kreativer um sich auf dem Arbeitsmarkt zu bewĂ€hren.
Der Sanktionsgedanke resultiert aus der Annahme, dass ein groĂer Teil der Erwerbslosen sich in der sozialen HĂ€ngematte ausruhen. Gerhard Schröder hat mit seinem âKein Recht auf Faulheitâ eine unsĂ€gliche Debatte begonnen in der er die Verantwortung fĂŒr Arbeitslosigkeit individualisiert hat, um darĂŒber hinwegzutĂ€uschen, dass es schlicht und ergreifend nicht genug ArbeitsplĂ€tze gibt. Und beachten Sie bitte die Vokabel ArbeitsplĂ€tze. Denn: Arbeit gibt es genug.
Die Faulheitsthese ist vollkommen falsch. Der steigende Anteil an Menschen die zu Niedriglöhnen arbeiten oder als Leiharbeitnehmer beschĂ€ftigt sind, zeigt deutlich, dass immer mehr Menschen bereit sind, zu zum Teil unwĂŒrdigen Bedingungen zu arbeiten. Auch der jĂŒngste Bericht des Instituts fĂŒr Arbeits- und Berufsforschung der Bundesagentur fĂŒr Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass der ĂŒberwiegende Teil der Hartz IV-EmpfĂ€ngerinnen und -EmpfĂ€nger bereit ist, BeschĂ€ftigung deutlich unter ihrem Qualifikationsniveau anzunehmen, lĂ€ngere Arbeitswege in Kauf zu nehmen, mehr Belastung am Arbeitsplatz zu akzeptieren und ungĂŒnstige Arbeitzeiten und geringeres Einkommen zu verschmerzen. Was bitte sollen Erwerbslose noch in Kauf nehmen, um am Arbeitsmarkt FuĂ zu fassen?
Der Arbeitsmarkt hĂ€lt aber schlicht kein Angebot fĂŒr diese Menschen bereit. âDie Arbeitslosigkeit in Deutschland ist nach wie vor durch ein massives Arbeitsplatzdefizit gekennzeichnetâ Zitat der Forscherinnen und Forscher des Instituts fĂŒr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung iab. Mit der Krise wird sich diese Situation dramatisch verschĂ€rfen.
Wenn dann in der Zielvereinbarung zwischen dem Bundesministerium fĂŒr Arbeit und Soziales und der Bundesagentur fĂŒr Arbeit zur Erreichung der Ziele der Grundsicherung fĂŒr Arbeitsuchende im Jahr 2009 vom 5. Februar 2009 die Rede davon ist, die Existenz sichernden Leistungen um 3 Prozent zu senken, dann frage ich mich ernsthaft, wie das gehen soll, wenn nicht durch vermehrte Sanktionen, deren einziger Sinn genau die ErfĂŒllung dieser Vereinbarung ist.
Nebeneffekt dieser Sanktionen ist ein ungeheuerer Druck sowohl auf ErwerbstÀtige als auch auf die Erwerbslosen, alles Mögliche an Verschlechterungen in der Arbeitswelt zu akzeptieren, um auf jeden Fall vermeiden, in die Gefahr der Erwerbslosigkeit oder einer Sanktion zu kommen. Auf diese Weise geraten wir noch stÀrker in eine AbwÀrtsspirale bei Löhnen und Arbeitsbedingungen, als wir es ohnehin schon sind.
Die Sanktionen mĂŒssen aber auch deshalb beendet werden, weil sie eine Art Sippenhaft darstellen. In jeder sanktionierten Bedarfsgemeinschaft werden alle von den KĂŒrzungen betroffen. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass bei einer MittelkĂŒrzung das Familienmitglied, das fĂŒr die KĂŒrzung âverantwortlichâ ist, ganz alleine die KĂŒrzung einspart. Es heiĂt fĂŒr alle und damit auch fĂŒr die Kinder weniger Geld in der Haushaltskasse ist gleich weniger LebensqualitĂ€t ist gleich weniger Freizeitgestaltung ja wahrscheinlich sogar weniger Essen.
Befragen Sie die AnwĂ€lte, die die Widerspruchsverfahren fĂŒhren. Die wissen zu berichten, dass hĂ€ufig nicht darauf aufmerksam gemacht wird, dass es Lebensmittelgutscheine gibt, dass Bescheide, gegen die Widerspruch erhoben werden soll, oft erst nach 4 Wochen ausgestellt werden, dass WidersprĂŒche hĂ€ufig eine Bearbeitungszeit von 6 Monaten haben, dass der Widerspruch keine aufschiebende Wirkung hat.
Die Folgen von Sanktionen sind hĂ€ufig Verschuldung. Sollte der Erwerbslose bis dahin noch nicht verschuldet oder gar ĂŒberschuldet sein, trifft ihn dieses Schicksal spĂ€testens jetzt. AnschlieĂend finanziert ihm dann dieselbe Behörde, die ihn vorher in diese Situation gebracht hat, die Schuldnerberatung. Das nenne ich einen gelungenen Mitteleinsatz.
Und, liebe Kolleginnen und Kollegen der GrĂŒnen, dies sind nicht die Probleme einzelner Jobcenter, sondern es ist Ausdruck der Hilflosigkeit der Mitarbeiter in der Arbeitsvermittlung, die selber unter einem erheblichen Druck stehen. Wenn von ihnen erwartet wird, dass sie in Arbeit vermitteln und Kosten senken, sie aber keine Instrumente dafĂŒr haben, kann kein Mitarbeiter seinen Job gut machen.
Und die gemeinsam mit der SPD gebetsmĂŒhlenartige Wiederholung, dass es gut gewesen sei, Arbeitslosengeld und Sozialhilfe zusammen zu legen, macht es auch nicht besser. Die Zusammenlegung alleine ist doch nicht das Ausschlaggebende, sondern wie diese Zusammenlegung ausgestaltet ist. Eine gute Grundidee bleibt eine gute Idee, auch wenn sie noch so schlecht ausgefĂŒhrt wird. Sie sollten aber endlich erkennen, dass hier eben keine moderne Arbeitsmarktpolitik betrieben wird, sondern eine Ansammlung von zweifelhaften MaĂnahmen, die den Menschen das Leben schwer macht, fĂŒr viele deutlich weniger Geld im Geldbeutel bedeutet und den Druck erzeugt, der verantwortlich ist fĂŒr immer schlechtere Arbeitsbedingungen. Die Erwerbslosen kĂ€mpfen aber seit Jahren mit den Auswirkungen dieser Reform, weil sie ganz einfach schlecht gemacht ist. Und weiterhin bin ich wirklich erstaunt ĂŒber den Antrag der SPD. Nach meiner Erinnerung ist die SPD immer noch in Berlin an der Regierung beteiligt. Setzen Sie einfach um, was Sie da fordern und verschonen Sie uns hier mit SonntagsantrĂ€gen.
Wir brauchen keine kleinen Kurskorrekturen. Wir brauchen eine Wende in der Arbeitsmarktpolitik. DafĂŒr ist der Antrag der LINKEN ein erster Schritt. Und da Sie meinen AusfĂŒhrungen nicht trauen, empfehle ich Ihnen sich ausfĂŒhrlich auf der Seite des BĂŒndnisses fĂŒr ein Sanktionsmoratorium (http://www.sanktionsmoratorium.de/) zu informieren.
Ich bitte das Parlament, die Forderungen des BĂŒndnisses zu unterstĂŒtzen und fordere die Regierung auf, sich bei der Bundesregierung fĂŒr die Streichung des § 31 des SGB II einzusetzen.




