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Sozialpolitische Tagung - Teil 1

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Am Samstag, 13. Juni 2009 fand die sozialpolitische Tagung der LINKE. Fraktion im Hessischen Landtag in den Hoffmans Höfen in Frankfurt am Main statt.

Bericht



Ziel:

Ziel der Tagung war, sich über die Aufgaben und Möglichkeiten von linker Sozialpolitik unter neoliberalen Vorzeichen und in Zeiten der schwersten Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren zu verständigen. In diesem Zusammenhang standen die Folgen der Krise und die daraus resultierenden sozialpolitischen Herausforderungen bei sich gleichzeitig verengenden finanziellen Spielräumen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung.

Mit den geladenen FachreferentInnen aus den Bereichen Soziale Arbeit, Gewerkschaften und Wissenschaft und den etwa 45 TagungsteilnehmerInnen entwickelte sich eine angeregte Arbeits- und Diskussionsatmosphäre.

Der Vormittag wurde mit zwei längeren, die größeren, gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen erkundenden Vorträgen eröffnet. Die Vertiefung folgte am Nachmittag durch vier kürzere, thematisch fokussierte Referate.

Referate:

 

Als erster Referent sprach Kai Eicker-Wolf zu den Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf Deutschland und Hessen.

Er skizzierte dazu die drei in praktisch allen Ländern vorzufindenden elementaren Säulen des Neoliberalismus: (1) Deregulierung der internationalen Finanzmärkte, (2) Deregulierung der Arbeitsmärkte in Verbindung mit (3) der Umverteilung von unten nach oben. In Deutschland kommt zu diesen drei Bestandteilen ein wichtiger vierter hinzu: der niedrige Anteil der aus öffentlichen Kassen finanzierten Beschäftigung an der Gesamtbeschäftigung. Dieser liegt in Deutschland mit ca. 14,5% nicht nur unter dem OECD-Durchschnitt, sondern auch unter dem Anteil neoliberaler Musterländer wie etwa den USA (ca. 16%) oder Großbritannien (ca. 20%). Eine Anhebung auf den in den nordeuropäischen Ländern vorzufindenden Anteil von etwa 30 – 35% würde in Deutschland einen Zuwachs in Höhe von ca. 5 Mio. Stellen bedeuten. Für Hessen wäre dies mit einer Ausweitung der Beschäftigung in Höhe von 300.000 Stellen verbunden.

Als zweiter Referent ging Christoph Butterwegge auf die in den nächsten Monaten und Jahren steigende Arbeitslosigkeit und die sich daraus ergebenden Perspektiven verschärfter Armutsentwicklung ein. Wenn es nicht gelingt, so Butterwegge, dagegen Widerstand zu mobilisieren, werden soziale Polarisierung, Verarmung und Prekarisierung weiter zunehmen. Auch, weil aus dem politischen Bereich bereits versucht werde, Stimmung für eine „Überprüfung“ (= Kürzung) sozialer Leistungen zu machen.

Nach der Mittagspause arbeitete Ulrich Deppe heraus, dass die mit den Privatisierungen im Bereich der Gesundheitsversorgung einhergehende Kommerzialisierung und Profitorientierung zu einer Kulturwende geführt hat: Gesundheit(sversorgung) sei immer weniger ein allen gleichermaßen zur Verfügung stehendes Grundrecht, sondern eine Frage individueller Zahlungsfähigkeit. Aufgabe linker und sozialistischer Politik müsse sein, diese Entwicklung zu stoppen und rückgängig zu machen.

Jutta Meyer-Siebert argumentierte zum Thema Alltag und Familie. Sie stellte die Finanz- und Wirtschaftskrise in den Zusammenhang mit der Krise, die die Familie in ihrer fordistischen Form des männlichen Ernährermodells seit der Neoliberalisierung der Gesellschaft erfährt. Beide Krisen seien letztlich der grundlegenden Arbeitsteilung der kapitalistischen Produktionsweise geschuldet, in der dem Bereich der profitlich geregelten Herstellung von Lebensmitteln alle Bedeutung zugemessen werde, während der Bereich der Sorge um die individuelle Entwicklung der Menschen vernachlässigt und nebenher durch Umsonstarbeit – meist von Frauen – geregelt sei. Dies funktioniere nicht mehr, seit neoliberale Politik, unter Vereinnahmung ehemals emanzipatorischer Forderungen der Frauenbewegung, die verstärkte Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt (meist als Teilzeitarbeit oder/und mit niedrigem Lohniveau) mit den flankierenden Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in ihr Programm geschrieben habe.

Linke Politik müsse deshalb vom Zusammenhang aller gesellschaftlichen Bereiche ausgehen und das Primat der Lohnarbeit durchbrechen. In diesem Zusammenhang verwies Meyer-Siebert auf den konkret-utopischen Gesellschaftsentwurf der Vier-in-einem-Perspektive (Frigga Haug), der mittlerweile Eingang in das Bundestagswahl-Programm der LINKEN gefunden habe: Bei16 Stunden tätiger Zeit am Tag und der Voraussetzung einer radikalen Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, die vom Stand der Produktivkräfte her möglich wäre, könnten Männer und Frauen in den vier Dimensionen des Menschsein idealerweise vier Stunden tätig sein: in der Erwerbsarbeit, der Sorge und Pflege um sich und andere, in der Entfaltung der eigenen (noch schlummernden) Fähigkeiten und in der Teilhabe an Politik. Das sei kein Nahziel, aber als Kompass auf die aktuelle Politik aufgelegt, ermögliche diese Utopie „revolutionäre Realpolitik“ (Rosa Luxemburg).

Axel Gerntke legte das Augenmerk auf die Folgen der herrschenden Wirtschaftspolitik für Arbeit und Arbeitsmarkt. Diese sei auf Bundesebene in den letzten Jahren vom Leitbild der schlechten Arbeit geprägt gewesen. Beispiele hierfür seien der Abbau des Kündigungsschutzes, die Verschärfung der Konkurrenz zwischen den Lohnabhängigen aus Angst vor Arbeitsplatzverlustes und Hartz IV sowie die Liberalisierung von Ladenöffnungszeiten. Hessen habe sich unter der rechtskonservativen Koch-Regierung mit darüber hinausgehenden Maßnahmen hervorgetan, so Gerntke: Der Austritt aus der Tarifgemeinschaft der Länder war mit Gehaltskürzungen und der Verlängerung von Arbeitszeiten verbunden, und das Hessische Offensivgesetz von 2004 verschärfte u.a. den Druck und die Zumutbarkeitsregeln auf Arbeitslose, insbesondere auf Bezieher/innen von Hartz IV.

Diesem Leitbild müsse die Alternative einer „Guten Arbeit“ entgegen gestellt werden. Grundelemente hierfür seien Hessische Mindestlöhne, der Wiedereintritt in die Tarifgemeinschaft der Länder und ein Programm zur Umwandlung aller Ein-Euro-Jobs in tariflich regulierte, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.

Jürgen Ehlers schließlich ging auf das Thema Wohnen und die Situation am Wohnungsmarkt ein. Die Wohnungsbaupolitik der Hessischen Landesregierung zeichne sich dadurch aus, dass steigende Mieten gewollt seien, um den Wohnungsmarkt für Privatinvestoren attraktiver zu machen. Steigende Mieten führten dazu, dass es Menschen mit niedrigem und durchschnittlichem Einkommen immer schwerer falle, sich bedarfsgerecht und angemessen mit Wohnraum zu versorgen. Der Anteil des Einkommens, der für die Miete aufgewendet werden müsse, wachse immer weiter. Ursachen hierfür seien, neben zunehmender Verteilungsgerechtigkeit, wohnungspolitische Maßnahmen. Zu letzteren zählten, dass Sozialwohnungen kaum mehr gebaut würden, dass immer mehr Sozialwohnungen aus der Mietpreisbindung fallen, der Verkauf von Wohnungsbeständen aus der Öffentlichen Hand, das Aufheben des Wohnraumzweckentfremdungsverbotes und die Fehlbelegungsabgabe im Zusammenhang mit den nicht angepassten Einkommensgrenzen, die zum Bezug einer Sozialwohnung berechtigten. Einige erste Möglichkeiten zum Gegensteuern in Hessen seien die Verlängerung des bestehenden Kündigungsschutzes bei der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, das Inkraftsetzen des Wohnraumzweckentfremdungsverbotes und eine Fortführung der Mietpreisbindung.

Butterwegge, Christoph

Prof. Dr., lehrt seit 1998 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Neueste Buchveröffentlichung: Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird, 2009

Deppe, Ulrich Prof. Dr., Medizinsoziologe und Sozialmediziner, von 1972 bis 2004 Professur für Medizinische Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Hauptarbeitsgebiet: politische Ökonomie des Gesundheitswesens
Ehlers, Jürgen Architekt, aktiv in der LINKEN im KV Frankfurt, Stadtteilgruppe Ginnheim, u.a. in der AG Planen, Bauen, Wohnen
Eicker-Wolf, Kai Dipl.-Volkswirt, DGB Hessen, zuständig für den Bereich Wirtschaftspolitik
Gerntke, Axel Ressortleiter Allgemeine Sozialpolitik beim IG Metall-Vorstand
Meyer-Siebert, Jutta Dipl. Psych., Lehrbeauftragte der Leibniz-Universität Hannover, Mitglied der Frauenredaktion Das Argument, Mitglied im Kreisvorstand DIE LINKE. Region Hannover und des Landesvorstandes DIE LINKE. Niedersachsen
Schrank, Wolfgang Stellv. Geschäftsführer Frankfurter Verein, Vorsitzender LAG Werkstätten für Behinderte, Abg. für DIE LINKE in der Verbandsversammlung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen
Schott, Marjana Mitglied des Landtags (MdL), DIE LINKE. Fraktion im Hessischen Landtag, Sprecherin für Sozialpolitik

 

Fazit:

Im Laufe der Tagung konnte klar herausgearbeitet werden, dass unter den herrschenden kapitalistischen Bedingungen und besonders in Zeiten dieser Krise linke Alternativen nötig sind. Fortsetzung und Vertiefungen dieser Thematik sollen in einer weiteren Tagung am 28. und 29. August stattfinden, zu der DIE LINKE. Fraktion im Hessischen Landtag herzlich einlädt.

Einladung


Sozialpolitik statt Almosen - Linke Sozialpolitik im Neoliberalismus

Sozialpolitische Fachtagung

Liebe Interessentinnen und Interessenten, liebe Kolleginnen und Kollegen,


der konjunkturelle Aufschwung 2006 und 2007 ist bei den Lohnabhängigen bekanntermaßen nicht angekommen. Sie hatten insgesamt absolute reale Nettoeinkommenseinbußen in Höhe von - 0,3 % zu verzeichnen - von den Arbeitslosen nicht zu reden. Dieser Abwärtstrend wird sich 2009 und 2010 rapide verstärken. Die im Gefolge der Krise ansteigende Arbeitslosigkeit wird in Schichten einbrechen, die bisher von Arbeitslosigkeit und Lohnsenkungen weitgehend verschont waren.
Dennoch verzichtet die neue hessische CDU/FDP-Regierung demonstrativ auf ein „Sozialministerium" und damit selbst auf einen nominellen sozialen Anspruch.

Strukturell bedingte soziale Polarisierung und die Absage an sozialpolitische Gestaltung widersprechen jedoch den Vorstellungen der LINKEN von einer akzeptablen und solidarischen Gesellschaft diametral. Jedem weiteren Sozialabbau muss breiter gesellschaftlicher Widerstand entgegengesetzt werden.

Allerdings wirft die Krise Fragen auf. Wie kann der Spagat zwischen verschärften sozialpolitischen Anforderungen und sich verengenden finanziellen Möglichkeiten bewältigt werden? Kann sich eine ernstzunehmende, linke und sozialistische Sozialpolitik auf die Abfederung der kapitalistischen Verwerfungen beschränken? Muss nicht vielmehr über eine grundsätzliche Infragestellung der gesellschaftlichen Spielregeln und Strukturen nachgedacht werden? Zweck der Tagung ist eine Verständigung mit Expertinnen und Experten über diese Fragen. Auf dieser Basis soll eine Grundsatzdiskussion zu den bestehenden solidarischen sozial- und gesundheitspolitischen Vorstellungen erfolgen.


Mit herzlichen Grüßen
Marjana Schott




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