Diese Website verwendet Cookies.
Zum Hauptinhalt springen

Elisabeth Kula

Elisabeth Kula - Tiefschwarze Bildungspolitik mit Zustimmung der Grünen

In seiner 34. Plenarsitzung am 19. Februar 2020 diskutierte der Hessische Landtag über ein Konzept zur Bildungssprache Deutsch. Dazu die Rede unserer bildungspolitischen Sprecherin Elisabeth Kula.

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste!

Die Beherrschung der deutschen Sprache ist ein Schlüssel zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Ich glaube, das sollte hier auch unstrittig sein. Unter dem Begriff der Bildungssprache ist allerdings nicht lediglich die Fähigkeit zur sprachlichen Verständigung zu verstehen. Vielmehr geht es um die differenzierte Nutzung sprachlicher Mittel und die sprachliche Erfassung sowie Kommunikation komplexer Zusammenhänge. Ja, dazu braucht es eine gute Sprachbildung und Sprachförderung an hessischen Schulen.

(Beifall DIE LINKE)

Es stellt sich aufgrund der gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse tatsächlich die Frage, wie man sicherstellen kann, dass Kinder im Grundschulalter einen ausreichenden Wortschatz beherrschen, um am Unterricht teilzuhaben. Hier geht es auch und vor allem um Kinder, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist bzw. deren Eltern und deren persönliches Umfeld die deutsche Sprache nicht sprechen oder beherrschen. Die Frage ist, inwiefern und unter welchen Voraussetzungen Schule weiter gehende bildungssprachliche Kompetenzen vermitteln kann.

Auf beide Fragen haben Sie nur unzureichende Antworten. Zum einen soll die Stundentafel in der Grundschule um eine Deutschstunde erweitert werden. Dafür wurden jetzt, wie angekündigt, Stellen im Haushalt bereitgestellt. Das klingt erst einmal verlockend. Es wird sich aber zeigen müssen, Herr Schwarz, inwiefern Sie in Zeiten akuten Lehrkräftemangels, vor allem an den Grundschulen, gut ausgebildete Lehrkräfte für diese zusätzlichen Stellen bekommen werden.

(Beifall DIE LINKE)

Wenn Sie jetzt die Relevanz der Primarbildung hervorheben, sehr geehrte Damen und Herren der die Regierung tragenden Fraktionen, haben Sie vollkommen recht. In der Grundschule werden alle Grundlagen für den Bildungsweg gelegt. Dann dürfen Sie aber Ihre Verweigerungshaltung bezüglich der Gleichstellung von Grundschullehrkräften nicht mehr aufrechterhalten. A 13 für alle Lehrerinnen und Lehrer, das muss drin sein. Die Argumente dafür haben Sie eben selbst geliefert. Daher sollten Sie Ihre Verweigerungshaltung endlich aufgeben.

(Beifall DIE LINKE)

Außerdem brauchen wir gute Arbeitsbedingungen an den Grundschulen; denn nur dann können die Lehrkräfte, die das in der Praxis umsetzen sollen, was Sie gerade so schön hochgehalten haben, erfolgreich sein. Die Lehr- und Lernbedingungen müssen endlich verbessert werden. Herr Schwarz, das hat vornehmlich mit den vielen engagierten Lehrkräften in Hessen zu tun, nicht mit dem Kultusminister.

In der Bildungsforschung geht man aber sowieso eher davon aus, dass die Bildungssprache nicht durch eine bestimmte Anzahl von Deutschstunden vermittelt wird. Vielmehr müsse man – ich darf zitieren, Frau Präsidentin –

die sprachliche Verfasstheit des Lernens selbst anschauen, reflektieren, erproben und sich die bildungssprachlichen Potenziale auf diese Weise verfügbar machen. Das ist für alle Fächer und auch für den Deutschunterricht Neuland. Hierfür sind Ideen, Konzepte und Modelle erst zu entwickeln. Hierzu gehört etwa das Prinzip einer „durchgängigen Sprachbildung“. Es bezeichnet das Ziel der Permanenz und Nachhaltigkeit der Sprachförderung durch fächerübergreifende (horizontale) und schulstufenübergreifende (vertikale) Kooperationen.

Das ist ein Zitat von Helmuth Feilke vom Fachbereich Germanistik an der JLU Gießen. Ob eine zusätzliche Stunde Deutsch in der Woche den erwünschten Erfolg bringt, kann also durchaus bezweifelt werden.

(Beifall DIE LINKE)

Vielmehr müsste hier viel grundlegender und fächerübergreifender gedacht werden, um die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler in der Bildungssprache zu stärken.

Die zweite Maßnahme – verpflichtende Vorlaufkurse für Kinder, die die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen, um eingeschult zu werden – steht bei der CDU hoch im Kurs. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann, von dem Sie gerade berichtet haben, hat im letzten Jahr mit diesem Vorschlag eine bundesweite, sehr aufgeregte Debatte losgetreten. Die Debatte drehte sich vor allem um die Frage, ob Kinder in solche Vorklassen zurückgestuft werden können. Das sorgte für große Kritik. Der Verband Bildung und Erziehung nannte die Forderung Linnemanns – die Sie gemeinsam mit den GRÜNEN hier vortragen – eine „Bankrotterklärung der Politik“, die zudem diskriminierend sei. „Es läuft doch darauf hinaus, dass vor allem Kinder mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung zurückgestellt werden würden“, sagte der Vorsitzende des VBE, Udo Beckmann.

Auch viele GRÜNE kritisieren diesen Vorschlag, z. B. Aminata Touré, Landtagsabgeordnete der GRÜNEN in Schleswig-Holstein. Sie kam in den Neunzigerjahren mit ihren Eltern als Asylsuchende nach Deutschland. Sie schrieb auf Twitter, dass Parallelgesellschaften, die Linnemann in seinem Tweet beklagt hat, wegen fehlender Kontakte zur deutschen Bevölkerung, nicht aufgrund fehlender Sprachkenntnisse entstünden.

In Hessen gibt es diese Vorlaufkurse schon – auf freiwilliger Basis. Ob sie überhaupt etwas bringen, wissen wir aber – entgegen Ihrer Behauptung – überhaupt nicht. Es gibt nämlich keine Evaluationen. Mona Massumi vom Lehrerbildungszentrum an der Universität Köln hat für das Mercator-Institut die Sprachförderangebote in Deutschland analysiert und verglichen. Ihr Fazit: Integrative Modelle, also Modelle, bei denen Kinder gemeinsam im Klassenverbund lernen, nicht in gesonderten Vorklassen, seien den Kindern aus den Vorklassen leicht überlegen. Bevor man sich jetzt überlegt, das Modell der Vorlaufkurse verpflichtend zu machen, müsste man doch zunächst erst einmal deren Nutzen nachweisen.

Vizepräsidentin Heike Hofmann:

Frau Kula, lassen Sie eine Zwischenfrage zu?

Elisabeth Kula (DIE LINKE):

Nein, jetzt möchte ich erst einmal fortfahren.

Ich finde es schon schockierend, dass die GRÜNEN hier mitgehen. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Vorklassen bringen doch ein grundsätzliches Problem mit sich: Damit wird doch bereits vor der Grundschule selektiert, also zu einem Zeitpunkt, an dem man eigentlich bewusst auf eine Selektion verzichtet. Studien belegen außerdem, dass Schülerinnen und Schüler, die später eingeschult oder zurückgestellt wurden, schlechtere Schulempfehlungen bekommen als andere Kinder. Eine Vorschulpflicht für Migranten- und Flüchtlingskinder sowie für alle jene, die noch nicht gut genug Deutsch können, das geht gar nicht.

(Beifall DIE LINKE)

Stattdessen wäre es notwendig und sinnvoll, den herkunftssprachlichen Unterricht anzugehen. Bis 1999 wurde er ausschließlich von Lehrkräften des Landes Hessen erteilt, bis unter Ministerpräsident Koch die Verantwortung dafür an die jeweiligen Konsulate übergeben wurde. Damit hat das Land Hessen die Verantwortung und die Kontrolle über diesen Unterricht leider aus der Hand gegeben. Dabei sollte Mehrsprachigkeit in Schule und Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit sein. Die sprachliche Vielfalt der Schülerinnen und Schüler sollte als pädagogische Ressource statt als Defizit aufgefasst werden. Das schließt eine Sprachförderung in Deutsch übrigens explizit nicht aus – im Gegenteil. Studien belegen, dass die Pflege der Herkunftssprache nicht nur die Sprachkompetenz festigt, sondern auch den Erwerb der deutschen Sprache positiv beeinflusst. Das Sprachenlernen fällt umso leichter, je mehr Sprachen man spricht.

(Beifall DIE LINKE)

Wer die Bildungssprache Deutsch stärken will, muss also den herkunftssprachlichen Unterricht stärken. Dazu gehört, dass dieser wieder in die Verantwortung des Landes Hessen übergehen muss, um ihn dann weiter auszubauen, zu professionalisieren und als gleichwertiges Unterrichtsfach aufzustellen. Dabei müssen auch die Lehrkräfte, die diesen Unterricht erteilen, ihren Kolleginnen und Kollegen in Bezahlung und Arbeitsbedingungen endlich gleichgestellt werden.

Besonders schräg finde ich, dass Sie sich für Ihr Sprachförderkonzept feiern, zugleich aber die Sprachförderung an beruflichen Schulen herunterfahren. Aus dem InteA-Programm sollen laut Ihrem Haushaltsplanentwurf 159 Stellen herausgestrichen werden. Dies wird mit rückläufigen Flüchtlingszahlen erklärt. Ob aber die Menschen, die sich im Programm befinden oder es durchlaufen haben, weitere Bedarfe haben, spielt bei dieser Argumentation anscheinend keine Rolle. Wer mit Menschen aus der Praxis spricht, der weiß, dass die InteA-Klassen mit ihrer zweijährigen Laufzeit und ihrer mangelhaften personellen Ausstattung viel zu kurz greifen. Praktikerinnen und Praktiker fordern schon lange, die Laufzeit von InteA-Klassen auf mindestens vier Jahre zu verlängern und die Sicherung des Aufenthalts während des Schulbesuchs zu gewährleisten.

(Beifall DIE LINKE)

Aktuell verlassen leider die meisten jungen Menschen die InteA-Klassen ohne ausreichende Deutschkenntnisse, um eine Ausbildung beginnen zu können, und landen in prekären Arbeitsverhältnissen. Man kann sich nicht dafür feiern lassen, die Bildungssprache Deutsch zu fördern, wenn man gleichzeitig die sowieso schon prekäre Ausstattung der Sprachförderung weiter zusammenkürzt.

Insgesamt gesehen, ist dieser Maßnahmenkatalog ein Griff in die tiefschwarze Mottenkiste statt ein Mittel einer der Vielfalt der Gesellschaft angemessenen Sprachbildung und Sprachförderung.

(Beifall DIE LINKE)


Suche nur in Parlam. Initiativen