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Rede


Gabi Faulhaber

CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN-Antrag: Regelung zur Kormoranbekämpfung - Maßnahmen zur Gewässergüte

Rede von Gabi Faulhaber am 29. Juni 2017 im Hessischen Landtag

 

– Es gilt das gesprochene Wort –

 

Vizepräsidentin Heike Habermann:

Vielen Dank. - Als Nächstes spricht Kollegin Faulhaber für die Fraktion DIE LINKE.

(Jürgen Lenders (FDP): Erst einmal der Antragsteller, oder?) Herr Lenders, ich kann Sie gern vorziehen. Ich habe Frau Faulhaber zwischen die beiden Antragsblöcke Waschbär und Kormoran gesetzt, weil sie als einzige vermittelnd eingreifen kann (Heiterkeit bei der LINKEN) und außerdem weil Kollege Brettschneider auf seine Ablösung wartet.

(Zurufe von der CDU)

Gabriele Faulhaber (DIE LINKE):

Wenn sich alle beruhigt haben, würde ich vielleicht anfangen. Das wäre gut.

(Janine Wissler (DIE LINKE): Als Verbindungsglied! - Norbert Schmitt (SPD): Als Vermittler zwischen Waschbär und Kormoran!)

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren!

Weder dem SPD-Antrag zur Aufhebung der Schonzeit für Waschbären noch dem Antrag der FDP zur Änderung der Kormoranverordnung können wir zustimmen.

Ich fange einmal mit dem Waschbären an. Niemand geht heute mehr davon aus, dass Waschbären bei uns wieder auszurotten sind. Einige Wissenschaftler sprechen inzwischen sogar schon von einer einheimischen Art. Deshalb geht es jetzt ans Integrieren.

(Heiterkeit und Beifall bei der LINKEN)

Die auftretenden Konflikte führen schnell zu Extrempositionen. Allerdings ist der Frontverlauf in dieser Debatte viel unübersichtlicher als diese beiden Anträge annehmen lassen.

(Beifall bei der LINKEN)

Weder Naturschützer noch Jäger haben eine einheitliche Position gefunden, was den Waschbären und auch andere invasive Arten angeht. Dass man die Ausbreitung der Kleinbären mit der Abschaffung der Schonzeit regulieren kann, bezweifeln jedoch beide Gruppen. Es gibt gute Gründe dafür. Untersuchungen gehen davon aus, dass sich die Waschbären schneller vermehren, wenn sie stark bejagt werden. Dann bekommen auch diejenigen Weibchen Nachwuchs, die normalerweise erst nach ihrer Jugend im Folgejahr trächtig geworden wären.

Selbst Jäger, z. B. die vorher genannte Wildlandstiftung Bayern, die die Aufhebung der Schonzeit in der Rhön gefordert hatte, kamen später zu folgender Erkenntnis. Ich zitiere:

Man kann den Waschbär nicht durch Jagd eindämmen. Die Eindämmung der flauschigen Raubtiere ist mutmaßlich nur durch natürliche Feinde wie den Wolf, der noch nicht wieder in der Region lebt, oder den Uhu möglich. Oder die Population erkrankt an Staupe oder ähnlichen Krankheiten, die dann den Bestand verringern.

In Sachsen untersuchte man die Jagdstreckenentwicklung von Raubtieren und stellte fest, dass in einem Verbreitungsgebiet die Zahl der Raubtiere über Jahre gleich blieb - sowohl die der heimischen als auch die der Neuankömmlinge.

Untersuchungen zum Fressverhalten der Waschbären bestätigten keines der einschlägigen Vorurteile.

Sie fressen nicht in erster Linie Vogelgelege. Sie ernähren sich hauptsächlich von Pflanzen und wirbellosen Tieren.

(Zuruf von der CDU: Erdbeeren und Kirschen!)

Nur zu 15 % sind ihre Nahrung Wirbeltiere. Aus all dem wird deutlich: Eine invasive Art kann schnell in Verruf geraten, wenn nur auf isolierte Faktoren geschaut wird.

Anders gesagt: Es gibt selten einen Hauptfeind, sondern ein Zusammenspiel von vielen Faktoren, wenn eine Art im Bestand gefährdet ist. Wenn derzeit der Vogelbestand dramatisch zurückgeht, sind Nesträuber nur ein Mosaikstein. Den Vögeln setzen vielmehr Monokulturen, Agrargifte wie das Neonicotinoid oder die Überdüngung und die Versiegelung der Landschaft mit Siedlungen, Industrie und Verkehrswegen zu.

Meine Damen und Herren, jetzt komme ich zum Kormoran, dessen Bestand sich in Hessen halbiert und auf einem niedrigen Niveau eingependelt hat. Natürlich frisst der Kormoran Fisch. Ich nehme an, die Angaben der FDP über die Fischmenge sind sogar richtig. Aber die Fischereierträge in Hessen sind seit vielen Jahren stabil. Das sagen alle Statistiken. Und um der Gefährdung entgegenzuwirken, scheint mir viel wichtiger zu sein, die Wasserqualität wieder zu verbessern. 80 % der hessischen Gewässer sind durch Einleitungen belastet.

(Beifall bei der LINKEN)

Dazu kommt, dass immer noch viele Gewässer reguliert sind und Renaturierungsmaßnahmen nötig wären, um Fischen wieder mehr Lebensraum zu geben.

Ökosysteme unterliegen dynamischen Veränderungen durch Klimawandel, Verschmutzung, Versiegelung, Umweltgifte und vielem mehr. Naturschutz ist deshalb eine systemische Aufgabe. Es bedarf vieler paralleler Maßnahmen, um Arten zu schützen. Hier taugt die Hauruckmethode überhaupt nichts.

Es geht um intakte Lebensräume und weniger um die Ausrottung ausgewählter Arten. Aber selbstverständlich wäre es sinnvoll, sich mit invasiven Arten auseinanderzusetzen. Dazu Partner aus der Wissenschaft einzubeziehen halte ich für dringend notwendig.

In Deutschland gibt es immer noch keine amtliche Liste der invasiven Arten, geschweige denn eine Vorgabe, wie ihnen zu begegnen ist. Ich will nur einmal sagen, dass in Europa 12.000 invasive Arten leben. 37 davon stehen im Verdacht, dass sie Gefahr für die biologische Vielfalt oder die menschliche Gesundheit bedeuten.

Der Waschbär und der Kormoran gehören nicht dazu. Ein Management auf diesem Gebiet wäre sehr sinnvoll, da man sie sicher nicht alle umbringen kann. - Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Heiterkeit und Beifall bei der LINKEN)