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Rede


Elisabeth Kula: Mehrsprachigkeit fördern und aufwerten

In seiner 78. Plenarsitzung am 17. Juni 2021 diskutierte der Hessische Landtag zur Forderung, auch Türkisch und Griechisch an hessischen Schulen als 2. Fremdsprache anzubieten. Dazu die Rede unserer bildungspolitischen Sprecherin Elisabeth Kula.

 

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren! Das Angebot für die zweite bzw. dritte moderne Fremdsprache an hessischen Schulen im Realschul- und im Gymnasialbereich umfasst aktuell Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch; Chinesisch als Fremdsprachenangebot steckt noch in den Kinderschuhen. Damit ist man in Hessen nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit einer modernen Einwanderungsgesellschaft und einer global vernetzten Welt.

Jetzt haben Sie sich endlich dazu durchgerungen, das Fremdsprachenangebot an den Schulen zu erweitern. Das begrüßen wir natürlich ausdrücklich. Hinzukommen sollen jetzt Polnisch, Portugiesisch und Arabisch; der Unterricht in Chinesisch soll weiter ausgebaut werden. Ich glaube, dagegen hat auch keiner etwas, im Gegenteil. Aber über die Auswahl dieser Sprachen müssen wir noch einmal sprechen. Mit einer Petition forderten bereits vor drei Jahren türkische Verbände die Einführung eines türkischen Fremdsprachenangebots an hessischen Schulen. Diese Petition unterzeichneten mehr als 20.000 Menschen; interessieren tut das die Landesregierung augenscheinlich nicht.

(Beifall DIE LINKE und vereinzelt SPD)

Wenn man sich den Entschließungsantrag der regierungstragenden Fraktionen genauer anschaut, stellt man fest, es gibt zwei Begründungen für die Auswahl der neuen Fremdsprachen. Zum einen stellen CDU und GRÜNE in ihrem Antrag auf den Status von Polnisch und Portugiesisch als europäische Amtssprachen ab. Bei Chinesisch und Arabisch bemüht man das Argument der Anzahl der Sprecherinnen und Sprecher weltweit.

Das kann man so machen. Nur macht man sich mit diesen willkürlich gewählten Argumenten bei der türkischsprachigen Community in Hessen sehr unbeliebt, und das zu Recht. Das kann ich Ihnen auch erklären. In Hessen ist neben Deutsch die wichtigste Herkunftssprache Türkisch. Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund in Hessen sind entweder selbst aus der Türkei migriert oder leben hier in zweiter oder dritter Generation. Das sind in Hessen etwa 400.000 Menschen.

Türkisch als Herkunftssprache ist im ganzen Balkangebiet, in Usbekistan, in Kasachstan, in Kirgistan, in Tadschikistan, in Aserbaidschan, im Iran und im Irak verbreitet. Türkisch ist übrigens auch in einem Land der Europäischen Union Amtssprache, nämlich in der Republik Zypern. Im Übrigen ist Griechisch auch Amtssprache der Europäischen Union.

(Beifall DIE LINKE und vereinzelt SPD)

Außerdem wäre es naheliegend, den deutschen Schülerinnen und Schülern den Erwerb der Sprache ihrer vielen Mitschülerinnen und Mitschüler, Freundinnen und Freunde sowie Nachbarinnen und Nachbarn zu ermöglichen. Auch über den Austausch mit unserer Partnerregion Bursa könnte man einmal nachdenken.

(Beifall DIE LINKE und vereinzelt SPD)

Gestern hat Lucia Puttrich hier große Worte geschwungen. Jetzt müssen endlich einmal Taten folgen. Der kulturelle Austausch mit unserer Partnerregion – kein Argument. Es gibt sehr viele gute Gründe, warum Türkisch und auch Griechisch in den Fremdsprachenkanon in Hessen aufgenommen werden sollten.

Sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sie weiterhin der größten migrantischen Community in Hessen verwehren, ihre Herkunftssprache als Fremdsprache in der Schule zu lernen. Schämen Sie sich eigentlich nicht angesichts der enormen Lebensleistung unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger, denen oft Steine in den Weg gelegt wurden, als sie hier Fuß fassen wollten; die rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt sind, ob im Alltag oder in Behörden; die als Gastarbeiter zu uns kamen, um den Reichtum dieser Gesellschaft, an dem sie viel zu selten teilhaben, zu erwirtschaften?

Wir als LINKE sagen ganz klar: Türkisch und Griechisch müssen in das Angebot für die zweite bzw. die dritte Fremdsprache aufgenommen werden. Es wäre ein dringend notwendiges Zeichen des Respektes gegenüber unseren türkisch- und griechischsprachigen Freundinnen und Freunden.

(Beifall DIE LINKE und vereinzelt SPD)

Zu dem Thema herkunftssprachlicher Unterricht. Ein herkunftssprachlicher Unterricht, der in Hessen in den Händen der Konsulate ist, ist wirklich kein Ersatz für einen echten Fremdsprachenunterricht; denn der herkunftssprachliche Unterricht wird nicht benotet und ist nicht versetzungsrelevant. Er ist auch nicht allein auf das Erlernen einer Sprache bzw. die Stärkung der Sprachkenntnisse ausgelegt.

Meine Damen und Herren, die Landesregierung und die regierungstragenden Fraktionen, insbesondere die GRÜNEN, können sich weiter herausreden. Aber jetzt ist es eigentlich an der Zeit, einmal Farbe zu bekennen. Als LINKE werden wir dem Antrag der SPD definitiv zustimmen. – Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE und SPD)