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Rede


Heidemarie Scheuch-Paschkewitz

Heidemarie Scheuch-Paschkewitz - Wer hat Angst vor dem bösen Wolf?

In seiner 32. Plenarsitzung am 30. Januar 2020 diskutierte der Hessische Landtag über die Rückkehr des Wolfes in die hessischen Wälder. Dazu die Rede unserer tierschutz- und landwirtschaftspolitischen Sprecherin Heidemarie Scheuch-Paschkewitz

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste!

Insbesondere begrüße und spreche ich die Kolleginnen und Kollegen der FDP an.

(Vereinzelter Beifall Freie Demokraten)

Sie identifizieren in Ihrem Antrag den Falschen, nämlich den Wolf, als eine existenzielle Bedrohung der Weidetierhaltung. Das ist populistisch und falsch.

(Beifall DIE LINKE)

Es ist ein großartiger Erfolg im Naturschutz, dass Wölfe in Deutschland und in Hessen wieder einen Lebensraum gefunden haben. Es ist völlig falsch, aus der Not heraus reflexartig Angst vorm „bösen Wolf“ zu schüren.

Eine Not der Weidetierhalterinnen und -halter ist allerdings sehr real. Hauptursache der Sorgen der Schäferinnen und Schäfer ist aber sicher nicht der Wolf. Er hält hier nur als Sündenbock her, um die Debatte zu verschärfen und die prekäre Situation der Schäferinnen und Schäfer möglichst emotional aufs Tapet zu bringen.

(Beifall DIE LINKE)

Die Bedrohung der Weidetierhalter und -halterinnen ist vor allem ihre finanzielle Notlage. Wir brauchen endlich eine existenzsichernde Bezahlung für die wichtige Gemeinwohlarbeit der Weidetierhalter und -halterinnen. Dass dies in den letzten Jahren verweigert wurde, ist eigentlich unterlassene Hilfeleistung bei den Tierhalterinnen und -haltern.

(Beifall DIE LINKE)

Diese pflegen die Natur und die Agrarlandschaft und werden durch den Markt nicht entlohnt. Viele Schäferinnen und Schäfer erwirtschaften nicht einmal den Mindestlohn, trotz Agrarförderung.

Wir setzen uns schon lange auf Bundesebene für Sofortmaßnahmen für den Schutz weidetierhaltender Betriebe ein, unter anderem durch einen Rechtsanspruch auf Unterstützung für Herdenschutzmaßnahmen und den Ausgleich von Schäden durch Wolfsübergriffe. Es müssen die Anschaffungs-, die Installations- und Instandhaltungskosten von Herdenschutzzäunen inklusive der Arbeitskosten sowie die Anschaffungs-, Ausbildungs- und Unterhaltskosten für Herdenschutztiere ausgeglichen werden.

(Beifall DIE LINKE)

Wir wollen, dass bei Übergriffen auf Nutztiere bei der Entschädigungszahlung eine Beweislastumkehr greift. Die Entschädigungen müssen bundesweit einheitlich und unbürokratisch ausgezahlt werden;

(Beifall DIE LINKE) denn selbstverständlich müssen die Weidetierhalter praktisch und finanziell unterstützt werden.

Der Konflikt, der sicherlich da ist, muss politisch und finanziell gelöst werden. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir reden von zwölf – in Worten: zwölf – nachweislich gerissenen Tieren in den letzten fünf Jahren.

(Zuruf: Stimmt doch gar nicht!)

Ich möchte Ihnen andere Zahlen nennen: Jährlich sterben in Hessen sogenannte Falltiere, und das sind 15.000 Schafe und Ziegen, an unvorhergesehenen Ursachen, statt am Wolf. Hierüber spricht allerdings niemand. Warum nicht?

Ich bin mir sicher, dass hier ein großer Teil vermeidbar gewesen wäre.

Dagegen sind die Lösungsvorschläge im vorliegenden Antrag, wie die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht oder die Ausweisung spezieller Wolfsgebiete, nicht zielführend. Eine Stellungnahme des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages belegt, dass die Einrichtung von wolfsfreien Zonen mit dem aktuell geltenden Bundesnaturschutzgesetz nicht vereinbar ist. Abgesehen von diesen rechtlichen Hindernissen, werden auch grundsätzliche Bedenken hinsichtlich der Eignung solcher Maßnahmen zur Abwehr von Wölfen geltend gemacht.

Eine Hauptursache liegt darin, dass der Wolf ein Wandertier ist, das weite Strecken zurücklegt. Wölfe haben darüber hinaus einen hervorragenden Geruchssinn, der sie befähigt, Fährten über weite Strecken aufzugreifen. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass es immer wieder vorkommen wird, dass insbesondere Jungwölfe, die sich von ihrem Rudel trennen, um ein eigenes Rudel zu gründen, die Fährte eines anderen Wolfs aufgreifen und dieser Fährte folgen werden. Dies kann im Ergebnis dazu führen, dass immer mehr Wölfe in eine wolfsfreie Zone geführt und dort dann getötet werden – und das kann bestimmt nicht Sinn dieser Maßnahme sein.

(Beifall DIE LINKE)

Nun zur Bejagung. Der Petitionsausschuss des Europäischen Parlaments hat zu diesem Thema unter dem Titel „Managementpläne zum Schutz vor Großraubtieren – Best Practices in Europa“ eine Studie angefordert, die im Februar 2018 veröffentlicht wurde. Diese kommt in Bezug auf den Wolf zu dem Ergebnis, dass tödliche Maßnahmen wie die vorsorgliche Tötung oder die Jagd sich nicht als wirksame Maßnahmen erwiesen haben, um Verluste bei Nutztieren zu verringern – es sei denn, die Population des Wolfs wird so stark reduziert, dass dies nicht mehr mit dem erforderlichen Schutzstatus des Wolfs vereinbar ist. Zahlreiche weitere Untersuchungen, insbesondere in den skandinavischen Ländern durchgeführt, bestätigen das.

Verschiedene Studien haben darüber hinaus die Bedeutung des ausreichenden Vorhandenseins natürlicher Beute bestätigt. Jetzt aufgepasst, die Jäger und Jägerinnen unter Ihnen: Fehlt es nämlich an natürlicher Beute, so kann dies die Gefahr von Nutztierrissen sogar erhöhen. Danach kommt es zur Vermeidung von Nutztierrissen auch darauf an, dass der Bestand insbesondere an Rehen, Rothirschen und Wildschweinen in einem Wolfsgebiet nicht so stark dezimiert werden darf – ein Aspekt, der in der bisherigen Diskussion kaum zum Tragen gekommen ist.

Also: Statten Sie die Schäferinnen und Schäfer endlich ausreichend aus, dann ist ein friedliches Zusammenleben von Wölfen und Weidetierhalterinnen und Weidetierhaltern in Hessen genauso möglich wie in Rumänien und in Italien. – Vielen Dank.

(Beifall DIE LINKE)