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Rede


Gabi Faulhaber

Rede zum Antrag von CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Stärkung der Bildungssprache Deutsch

Rede von Gabi Faulhaber am 4. Mai 2017 im Hessischen Landtag

– Es gilt das gesprochene Wort –

Herr Präsident, meine Damen und Herren!

Ein Antrag betreffend den Erwerb von Rechtschreib- und Lesekompetenz im Fach Deutsch könnte zwar wichtig sein, aber dieser Antrag der Koalition ist mehr als nichtssagend. Trotz mehrfachen Lesens ist mir weder der Grund für den Antrag noch seine Intention klar geworden.

Ich weiß gar nicht, worüber hier reden. Meinen Sie ernsthaft, Sie müssten die Bedeutung der Basiskompetenzen Lesen und Schreiben heute hervorheben? Gibt es denn ernst zu nehmende Bedenken, dass irgendjemand diese Bedeutung bestreiten könnte und in den Schulen der Stellenwert von Lesen und Schreiben unterbewertet wird? Meinen Sie, dass die Grundschullehrkräfte ihren Auftrag nicht ernst nehmen und das korrekte Schreiben nicht systematisch mit ihren Schülerinnen und Schülern erarbeiten?

Oder haben Sie vielleicht festgestellt, dass die Lese- und Rechtschreibkompetenzen so schlecht sind, dass Sie jetzt dringend eine Offensive starten müssen? Was wollen Sie also mit diesem Antrag, in dem überwiegend Allgemeinplätze vorkommen?

(Beifall bei der LINKEN)

Meine Damen und Herren, aus diesem Antrag könnte man vielleicht herauslesen, dass Sie sich in die didaktisch-methodische Auseinandersetzung um die beste Art der Vermittlung von Lese- und Rechtschreibkompetenz einmischen wollen. Das könnte vielleicht sinnvoll sein. Aber dann sollten Sie die Anforderungen, die Sie in den Kerncurricula stehen haben wollen, deutlich benennen. Wollen Sie festlegen, dass in der Grundschulzeit die Handschrift gelehrt werden soll und nicht zu früh digitale Medien eingesetzt werden sollen? Wenn das so ist, dann sagen Sie es doch einfach.

In Ihrem Antrag führen Sie außerdem die Reichen-Methode an, deren Anlauttabelle Sie zur Verwendung innerhalb eines pädagogischen Konzepts für sinnvoll erachten. Danach geht es aber völlig gegensätzlich und unklar weiter. Wollen Sie diese häufig kritisierte Methode aus den Schulen verbannen, oder wollen Sie sie hervorheben? Oder wollen Sie darauf hinweisen, dass der Schulaufsicht die Entscheidung zustehen muss, nach welchen Konzepten die Alphabetisierung erfolgen sollte?

Ich finde, es wäre dringend notwendig, in einem solchen Antrag darauf hinzuweisen, dass die Alphabetisierung von Kindern nicht allein auf eine Methode reduziert werden kann. Jedes Kind lernt anders, und der Erfolg einer Lehrmethode ist bei unterschiedlichen Klassen und Schülern unterschiedlich groß. Das sollte auch in den Lehrplänen Berücksichtigung finden.

(Beifall bei der LINKEN)

Es gibt Studien für den deutschsprachigen Raum, die zeigen, dass der traditionelle Fibel-Unterricht gerade bei leistungsschwächeren Schülern die besseren Ergebnisse hervorbringt. Es gibt aber auch Befunde, die die Überlegenheit des freien Schreibens nahelegen und wonach Kinder in den ersten beiden Schuljahren die Rechtschreibung zwar schlechter beherrschen, sich diese Unterschiede bis zum Ende der 4. Klasse aber auflösen.

Die Alphabetisierung muss dann natürlich in ein reformpädagogisches Konzept eingebunden sein, das zumindest in der Grundschulzeit gänzlich auf Ziffernnoten verzichtet; denn hier liegt der eigentliche

Bruch: Die Kinder lernen in der 1. und 2. Klasse nach der Reichen-Methode das Lesen und Schreiben, haben dann aber keine Zeit, ihre Kompetenzen zu festigen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem die Notengebung einsetzt, sollen sie die Wörter – beispielsweise in einem Diktat – auf einmal korrekt schreiben können. Das kann nicht funktionieren.

(Beifall bei der LINKEN)

Dazu sagt Ihr Antrag aber nichts. Ihr Antrag bleibt vage und unkonkret. Warum schreiben Sie denn nicht, welches Konzept – oder welche Konzepte – Sie sich für die Alphabetisierung in hessischen Schulen vorstellen?

Meine Damen und Herren, zum Schluss möchte ich Sie ermuntern, das wichtige Thema Schriftspracherwerb wirklich ernsthaft in Angriff zu nehmen.

Formulieren Sie, wie Sie lese- und rechtschreibschwache Kinder fördern möchten. Machen Sie Konzepte dafür, wie Sie den Kindern gerecht werden möchten, die mehrere Sprachen sprechen. Eine andere Sprache ist für den Bildungserwerb nämlich auch ausreichend. Erarbeiten Sie einen Kompetenzrahmen für die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer, und lassen Sie Ihre zukünftigen Konzepte in Universitäten wissenschaftlich begleiten. Dann kommt vielleicht etwas Sinnvolles dabei heraus. – Vielen Dank.

(Beifall bei der LINKEN)