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Rede


Gabi Faulhaber

SPD-Anfrage: Arbeitslehre als Studien- und Unterrichtsfach

Rede von Gabi Faulhaber am 24.November 2017 im Hessischen Landtag

– Es gilt das gesprochene Wort –

 

Frau Präsidentin, meine Damen und Herren!

Herr Veyhelmann, Ihre Ziele in allen Ehren, aber Sie können doch nicht wirklich behaupten, in Hessen gebe es keinen fachfremden Unterricht und keine Probleme beim Übergang in den Beruf. Ihre Freunde vom Handwerk und der Wirtschaft beklagen doch immer, dass die Schulabgänger nicht ausbildungsfähig seien. Daher wäre es doch ziemlich wichtig, dass das Fach Arbeitslehre nicht fachfremd unterrichtet wird. Die Klagen beziehen sich ja nicht nur auf die Haupt- und Realschüler, sondern auch auf diejenigen, die vom Gymnasium abgehen, aber dazu sage ich gleich noch etwas.

(Beifall bei der LINKEN)

Ich bin wirklich sehr gespannt, was für eine parlamentarische Initiative die Kolleginnen und Kollegen der SPD aus dieser Großen Anfrage heraus starten werden. Bisher hat das Fach Arbeitslehre in den bildungspolitischen Debatten keine große Rolle gespielt. Vielleicht ändert sich das jetzt; zumindest hoffe ich das. Ich fände es auch ziemlich wichtig, dass dieses Fach in den Stundenplänen gut verankert wird, und zwar in allen Schulformen.

(Beifall bei der LINKEN)

Dass an Gymnasien das Fach Arbeitslehre überhaupt nicht vorgesehen ist, finde ich, gelinde gesagt, unmöglich.

(Beifall bei der LINKEN)

– Ja, das könnt Ihr ruhig einmal verstärken. – Ich weiß, Sie behaupten jetzt, die Fächer Physik oder Politik – –

Vizepräsidentin Heike Habermann:

Kollegin Faulhaber, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Schwarz?

Gabriele Faulhaber (DIE LINKE):

Nein, ich halte jetzt erst einmal meine Rede; und dann können Sie intervenieren. – Ich weiß, Sie behaupten, die Fächer Physik, Politik und Wirtschaft beinhalteten Arbeitslehre. Das ist aber keineswegs ein adäquater Ersatz, meine Damen und Herren. Fakt ist, als Unterrichtsfach an sich ist die Arbeitslehre am Gymnasium im Jahr 2000 abgeschafft worden. Hier möchte ich einmal anfügen, dass diese Abschaffung ziemlich deutlich macht, dass Ihre Behauptung – Sie haben es gerade angedeutet – vom durchlässigen hessischen Schulsystem überhaupt nicht zutrifft. Wäre es durchlässig, nähme das Fach Arbeitslehre in allen Schulformen den gleichen Stellenwert ein,

(Beifall bei der LINKEN)

denn nach Ihrem Verständnis bereitet das Fach Arbeitslehre auf die Berufswahlentscheidung vor. Tatsächlich ist es so, dass die Haupt- und Realschülerinnen und -schüler gezielter auf die Einführung in die Arbeitswelt vorbereitet werden, während die Gymnasiasten auf die Studienqualifikation vorbereitet werden, also auf den akademischen Werdegang. Das ist heute in der Realität aber nicht mehr so, weil viele Berufsfelder, die im Moment im Handwerk und in der Industrie angeboten werden, zwingend das Abitur vorrausetzen. Das widerlegt auch eine andere Behauptung, nämlich das Studium und duale Ausbildung als gleichwertig anzusehen wären. Von Gleichwertigkeit kann bei so einer Abgrenzung überhaupt keine Rede sein. Nicht viel weniger problematisch ist die Tatsache, dass Arbeitslehre in den Schulformen, in denen sie als reguläres Unterrichtsfach vorgesehen ist, zu großen Teilen fachfremd unterrichtet wird. Das geht aus der Großen Anfrage ziemlich eindeutig hervor.

Das begründet das Hessische Kultusministerium damit, dass Arbeitslehre in Absprache mit den Fachbereichsleitern meist von den Klassenlehrerinnen und -lehrern mit unterrichtet wird, weil sie am meisten mit der Klasse zu tun haben. Was ist das eigentlich für eine Argumentation? Das zeigt nur, dass Arbeitslehre als Unterrichtsfach nicht ernst genommen wird. Wir reden hier über ein Unterrichtsfach, das als Studienfach an zwei hessischen Hochschulen angeboten wird – fachlich und didaktisch qualifiziert. Wenn das alle Klassenlehrer so aus der Lamäng könnten, dann brauchten wir kein Studium. Sie sollten sich entscheiden: Entweder ist es ein fundiertes Unterrichtsfach, oder es ist keines. In Hessen trifft scheinbar Letzteres zu. Anders ist nicht erklärbar, dass fachfremder Unterricht wie selbstverständlich akzeptiert wird.

Meine Damen und Herren, für junge Menschen sind die Berufswahl und die ersten Schritte in den Beruf eine schwierige Phase. Sie können jede Hilfe gebrauchen, die ihnen zuteilwird.

(Anhaltende Unruhe – Glockenzeichen der Präsidentin)

Da wäre Berufsorientierung für alle wichtig, damit sie einen, für sie passenden Beruf finden. Gerade wenn sich die Berufsbilder in qualifizierteren Handwerks- und Industrieberufen ändern. Man kann doch nicht jemanden aus der Schule entlassen und ihm sagen: Jetzt sieh einmal zu, dass etwas Anständiges aus dir wird. – Man kann auch nicht sagen: Wenn du nicht Elektriker werden willst, dann wirst du eben Staatsanwalt. – Oder umgekehrt: Wenn du nicht Staatsanwalt werden willst, dann wirst du Elektriker. – Das geht doch einfach nicht, dazu gehört eine gute Beratung. Es gehört dazu, dass man über die Berufe eine Vorstellung entwickelt. Das gilt auch für Gymnasiasten.

(Beifall bei der LINKEN)

Noch schwieriger haben es Jugendliche, die aus dem einen oder anderen Grund schon während der Schulzeit Förderung gebraucht haben. Viele dieser Schüler gehen ohne Schulabschluss aus der Schule. Viele schaffen auch keine Ausbildung. Diesen Jugendlichen muss man trotzdem eine Perspektive anbieten. Ein qualifiziertes Fach Arbeitslehre wäre eine gute Voraussetzung dafür, damit diese Schüler auch an der Berufsschule bestehen können. Das Fach Arbeitslehre muss in allen Schulformen verankert werden. Man muss das Unterrichtsfach Arbeitslehre auch ernst nehmen, es muss von Fachkräften unterrichtet werden und es muss auf den Beruf hinarbeiten. Es darf nicht von fachfremden Menschen mit wenig Qualifikation unterrichtet werden.

Zum Ende meiner Rede möchte ich noch etwas bemerken: Dass Sie bei der Aussprache zu der Antwort auf die Große Anfrage zum Fach Arbeitslehre überhaupt nicht aufpassen und nicht zuhören, auch anderen Rednern nicht, zeigt, welchen Stellenwert das hat.

(Beifall bei der LINKEN)

Vizepräsidentin Heike Habermann:

Vielen Dank. – Zu einer Kurzintervention hat Kollege Schwarz das Wort.

Armin Schwarz (CDU):

Frau Kollegin Faulhaber, ich habe sehr genau zugehört. Ich habe festgestellt, dass Sie in der Tat die Gleichwertigkeit von dualer Ausbildung und akademischer Bildung, von einer Mittleren Reife und vom Abitur nicht sehen. Das haben Sie eindrucksvoll beschrieben. – Erste Bemerkung.

Zweite Bemerkung. Arbeitslehre ist ein wichtiges Fach, das ist gar keine Frage. Ich würde nur gerne von Ihnen wissen, weil Sie die Frage nicht zugelassen haben: Wenn Sie die Arbeitslehre bei den

Gymnasien zusätzlich verankern wollen, wollen Sie zusätzliche Stunden hineingeben, sodass die Stundentafel größer wird? Wenn ja, dann sagen Sie das bitte. Wenn nein, dann sagen Sie bitte, an welcher Stelle gestrichen werden soll. Ich kenne die Debatten darüber und die Forderungen: Eine Stunde mehr PoWi, eine Stunde mehr über Steuererklärung, eine Stunde mehr über Lebenskunde. Diese Debatten haben wir alle schon geführt. – Das ist die eine Frage.

Nächster Punkt. Es ist von großer Bedeutung, dass wir darüber reden, wenn wir so tun, als würden die Schulen mit den Unternehmen keinen Austausch pflegen, dann ist das wieder ein Zerrbild. Es gibt die obligatorischen Schulpraktika an den Gymnasien. Meine Tochter hatte erst vor einem halben Jahr in der gymnasialen Oberstufe ein Praktikum, von dem sie sehr profitiert hat. Sie hat dabei einen großen Einblick gewonnen.

Es ist uns wichtig, dass an den Gymnasien der Austausch mit den Unternehmen stattfindet. Es gibt nämlich nicht nur den direkten Weg an die Universität, sondern es kann nach dem Abitur auch eine Ausbildung gemacht werden. Über die Berufsberatung und die Studienberatung wird sehr wohl sehr ordentliche Arbeit geleistet. Es gibt unterschiedliche Wege in einem durchlässigen hessischen Schulsystem. Darüber sind wir sehr froh.

(Beifall bei der CDU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vizepräsidentin Heike Habermann:

Kollegin Faulhaber, zur Erwiderung.

Gabriele Faulhaber (DIE LINKE):

Herr Schwarz, ich will Ihnen erst einmal antworten. Ich habe mein Berufsleben im berufsorientierten Unterricht und in Zusammenarbeit mit Berufsschulen verbracht, das war einer meiner Schwerpunkte. Ich kann Ihnen sagen: Das funktioniert sehr wohl, auch wenn es mit Ihrer starren Vorgabe von der Stundentafel nicht funktioniert. Man muss Arbeitslehre in die Stundentafel implementieren, das ist ganz klar.

(Armin Schwarz (CDU): Was fällt dann weg?)

Man muss auch Überlegungen anstellen, wie man das anordnet. Erst einmal ist klar: Ich bin nicht für eine starre Stundentafel. Ich bin für fächerübergreifenden Unterricht, den kann man am besten in der Ganztagsschule und in der Gesamtschule machen.

(Beifall bei der LINKEN)

Dort kann man das verbinden mit Sprache, Mathe, PoWi und was Ihnen sonst noch einfällt. Das ist natürlich in so einem Gymnasium, von dem Sie wahrscheinlich mehr Ahnung haben als ich, mit so einer starren Stundentafel – wir handeln jetzt in 45 Minuten irgendein Thema ab – nicht zu machen. Theoretisch ist Arbeitslehre auch nicht zu machen. Das ist eine sehr praxisbezogene und mit Theorie verbundene Interaktion.

(Beifall bei der LINKEN – Armin Schwarz (CDU): Das war keine Antwort auf meine Frage!)