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Rede


Gabi Faulhaber

SPD-Anfrage: Umsetzung des Sprachförderprogramms „Integration durch Abschluss und Anschluss“ (InteA) in Hessen

Rede von Gabi Faulhaber am 24.November 2017 im Hessischen Landtag

– Es gilt das gesprochene Wort –

 

Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren!

Natürlich ist Sprache eine wichtige Voraussetzung für eine berufliche Integration und gesellschaftliche Teilhabe. Daher ist es wichtig, dass junge Geflüchtete, die neu in Deutschland angekommen sind, die Chance erhalten, möglichst schnell Deutsch zu lernen. In Hessen soll diese Aufgabe in den Berufsschulen durch InteA geleistet werden. Das Programm verspricht Integration durch Anschluss und – was ich besonders wichtig finde – durch Abschluss.

Wir begrüßen grundsätzlich, dass es in Hessen die Möglichkeit gibt, Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern gezielt die deutsche Sprache zu vermitteln. Die Praxis zeigt aber dennoch, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht so einfach übereinander zu bringen sind. Eine gute pädagogische Arbeit ist angesichts der teilweise extrem heterogenen Schülergruppen schwierig. Die Kolleginnen und Kollegen leisten hier eine besondere Arbeit. Und die Rahmenbedingungen dieses Sprachförderprogramms haben sich in den vergangenen Jahren nicht unbedingt verbessert, Herr Kollege Degen hat bereits auf die steigende Klassengröße hingewiesen. Auch ich habe es erstaunlich gefunden, wie die Landesregierung die Klassengrößen zu rechtfertigen versucht, indem sie Bezug nimmt auf diese umstrittene Studie des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie.

Er behauptet, die Klassengröße habe nur einen geringen Einfluss auf die Lernleistung eines Kindes. Natürlich kommt es viel auf die Lehrperson an und wie sie es schafft, die Potenziale der Schülerinnen und Schüler zu wecken. Insofern mag es ja stimmen, dass die Klassengröße allein nicht ausschlaggebend ist. Aber man kann doch nicht einfach zugrunde legen, dass die Lehrkräfte die Möglichkeiten kleiner Lerngruppen didaktisch nicht nutzen. Dementsprechend gibt es auch viele anderslautende Studien. Diese zeigen, wenn überhaupt eine Didaktik zur Anwendung kommen kann, die auf die Schüler eingeht und sie individuell fördert, dass kleinere Klassengrößen zwingend notwendig sind.

(Beifall bei der LINKEN)

Meine Damen und Herren, Sie machen selbst eine Ausnahme vom vorgegebenen Klassenteiler von 20, und zwar bei den Alphabetisierungsklassen. Laut Erlass vom 9. November 2016 soll die maximale Klassengröße bei der Alphabetisierung bei zwölf Schülerinnen und Schülern liegen. Wir aber denken, dies sollte nicht nur für die Alphabetisierung gelten. Die Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger haben sehr unterschiedliche Vorbildungen, nicht selten kommen sie mit einem Trauma oder mit Kriegserlebnissen hier bei uns an und sie haben während langer Fluchtwege oft keine Schulbildung gehabt und manchmal auch zuvor nicht, weil sie aus einem Kriegsgebiet kommen. Wenn ihre Lernvoraussetzungen beachtet und individuell gefördert werden sollen, dann sollte diese Klassengröße von zwölf bei InteA-Schülerinnen und -Schülern generell gelten.

(Beifall bei der LINKEN)

Diese pädagogisch sinnvolle Klassengröße würde 228 zusätzliche Klassen erfordern. Es entstünde natürlich auch ein zusätzlicher Lehrkräftebedarf von 228 Stellen, das können wir in der Antwort auf die Große Anfrage lesen. Darüber sollten wir nachdenken. Der InteA-Erlass vom 9. November 2016 ist bei vielen Lehrerinnen und Lehrern auf Unverständnis gestoßen; denn er ist widersprüchlich. Einerseits wird dort auf die Vorgaben verwiesen, wie sie in der Verordnung über die Ausbildung und die Abschlussprüfungen in den Bildungsgängen zur Berufsvorbereitung stehen – ich sage dazu im Weiteren „BzB“, das ist mir sonst zu lang. Andererseits aber weicht der Erlass von diesen Vorgaben ab: So lässt der InteA-Erlass keine Abschlüsse nach der BzBVerordnung zu, sondern nur externe Prüfungen zum Erwerb des Hauptschulabschlusses und des Realschulabschlusses.

Anders als bei PuSch oder beim BVJ werden bei InteA-Schülern Fächer wie z. B. Sport, Ethik oder Datenverarbeitung für den Abschluss nicht berücksichtigt. Damit sind die InteA-Schülerinnen und Schüler im Vergleich zu den Schülern in der Berufsvorbereitung benachteiligt. So verwundert es kaum, dass nicht so viele InteA-Schülerinnen und Schüler wie erwartet einen Haupt- oder Realschulabschluss erreichen können. Darüber wurde schon gesprochen.

Noch einmal zum Ziel von InteA, einen schnellen Übergang in das duale System bzw. in eine andere Schulform bzw. in andere Bildungsgänge zu ermöglichen. Das ist das Ziel. Ohne zumindest einen Hauptschulabschluss zu erlangen, ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Deshalb denke ich, dass den Schülerinnen und Schülern der InteA-Maßnahmen die Chance nicht verwehrt werden sollte, gemäß der BzB-Verordnung einen Hauptschulabschluss zu erwerben.

(Zuruf des Abg. Hugo Klein (Freigericht) (CDU): Parallel zur Berufsausbildung!)

– Das ist schon klar, aber das ist manchmal so organisiert, dass es von der Zeit her nicht klappt, wenn der Schüler besondere Probleme hat. Das ist nicht nur bei diesen Schülern so, die InteA-Klassen besuchen, sondern schon bei Förderschülern, die einen Förderbedarf haben.

Sie sagen, das deutsche Sprachdiplom wäre eine Alternative, aber es kann keinen Schulabschluss ersetzen. Für den weiteren Ausbildungsweg ist doch zumindest der Hauptschulabschluss zwingend notwendig.

(Beifall bei der LINKEN)

Die GEW hat Anfang Februar 2017 ebenfalls auf die Belastung der Lehrkräfte in diesen Klassen hingewiesen. Es gibt keinerlei Konzeptionsstunden, wie etwa bei PuSch. Dennoch haben viele der sehr engagierten Kolleginnen und Kollegen mit großem freiwilligem Zeitaufwand schuleigene Konzepte entwickelt. Warum haben sie das getan? Weil es keine einheitlichen Konzepte für InteA gibt. Es fehlt ein altersgemäßes und berufsorientiertes Sprachförderkonzept. Lehrkräfte benennen auch starre Altersgrenzen und dementsprechend unzureichende Abschlussmöglichkeiten als Problem. Auch die die zeitaufwändige Betreuung der InteA-Praktika belastet die Lehrkräfte, genauso wie der hohe Beratungsbedarf der Schülerschaft und ihrer Eltern. Und wenn in den Klassen laufend Neuaufnahmen hinzukommen – die Zuweisung erfolgt bei InteA nämlich monatlich –, erschwert das die pädagogische Arbeit zusätzlich. Die hohe Arbeitsbelastung und die Mehrarbeit sollten dringend zur Kenntnis genommen werden. Hier muss die Landesregierung nachsteuern.

Notwendig sind Entlastungsstunden für InteA-Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer, die Möglichkeit, den DaZ-Unterricht und sprachsensiblen Fachunterricht teilweise in Doppelbesetzung anbieten zu können und mehr sozialpädagogische Unterstützung. Es muss ein altersgemäßes und berufsorientiertes Sprachförderkonzept entwickelt werden, und nicht zuletzt müssen wir auch bei der Fortbildung der Lehrkräfte Angebote schaffen, die den Bedürfnissen von InteA-Lehrkräften entsprechen. – Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN)